Die Zeichen der Zeit nicht erkannt!

Kulturpolitik wird von vielen Seiten betrieben. Aber wird sie das auch von der Kulturpolitik selbst? Wir unterhalten uns mit Prof. Dr. Wolfgang Schneider vom Institut für Kulturpolitik in Hildesheim darüber, was kulturpolitische AkteurInnen in den letzten Jahrzehnten erreicht haben – und was nicht. Das Gespräch führte Veronika Schuster vom Kultur Management Network.

Herr Prof. Dr. Schneider, gestaltet Kulturpolitik noch? Und wie? Und wer?

Es gilt die normative Kraft des Faktischen; denn Kulturpolitik ist geprägt von den Institutionen, zum Beispiel von den Museen, Theatern, Kunsthochschulen, Bibliotheken, Opernhäusern und Konzertsälen, von den schulischen und außerschulischen Infrastrukturen. Das ist einerseits schön, andererseits nicht unproblematisch! Wir können stolz sein auf unsere Kulturlandschaft mit all ihren Betrieben, die ja zum Teil schon als materielle und immaterielle Weltkultur deklariert wurde. […]
Das wirft aber auch die Frage auf: Was haben die Menschen davon? Nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung soll diese öffentlich geförderten Einrichtungen besuchen, zumeist repräsentieren sie, wie in den größeren Städten, die bürgerliche Kultur und auch die, die in der Kulturarbeit tätig sind, sind nicht immer auskömmlich ausgestattet – von prekären Arbeitsverhältnissen und von Altersarmut der Kulturschaffenden ist die Rede. Über Gestaltung kann man also nur sehr differenziert sprechen. Zumal wichtige kulturpolitische Entwicklungen aus der Zivilgesellschaft erkämpft wurden: Die Soziokultur, die freien Darstellenden Künste, die Kunstvereine und viele andere – heute selbstverständliche – Erscheinungsformen in unserer Kulturlandschaft. Da haben sich doch durch kulturpolitische Selbstermächtigung Parallelwelten entwickelt, die dann nach und nach auch öffentliche Förderung erfahren durften. Gestaltung geht anders. Zu einem Modell in der Kulturpolitik zur Konzeptionierung in der Kulturlandschaft ist das Instrument der Kulturentwicklungsplanung geworden, das nicht nur die Stärken und Schwächen evaluiert und daraus Managementpläne entstehen lässt, sondern vor allem auf ein Forum der AkteurInnen setzt, bei dem KünstlerInnen und KulturpolitikerInnen, KulturmanagerInnen und Kulturlobbyisten zusammenkommen, um gemeinsam Perspektiven zu verabreden. Das Mindeste ist dann ein Leitbild Kultur für Stadt und ländlichen Raum, das Beste die kulturpolitische Gestaltung von konzertierten Aktionen.

Kunst und Kultur nehmen im Rahmen neuer gesellschaftlicher Entwicklungen eine besondere Rolle ein. Wie reagiert Kulturpolitik, wie sollte sie agieren?

Kulturpolitik hat über Jahrzehnte die Zeichen der Zeit nicht erkannt! Das ist Fakt, wenn es um Diversität geht, um internationale Beziehungen, um nachhaltige Entwicklungen oder um die ökologische Dimension. Zwar haben KünstlerInnen wie Seismografen immer wieder Prozesse der Transformation zum Gegenstand ihrer Werke und ihres Wirkens gemacht, aber das hatte zumeist nicht zur Folge, dass das auf die kulturpolitische Agenda kam. Das System überlebte viele gesellschaftliche Veränderungen, Strukturen werden nicht angepasst und ein Agieren wird sogar abgelehnt, weil es ja die Freiheit der Kunst beeinträchtigen könnte. Das ist richtig, wenn es um Inhalte geht, das ist falsch, wenn es darum geht, die Herausforderungen in Produktion, Distribution und Rezeption zu meistern. Auch das Kulturmanagement hat sich über Jahre gerne als Reparaturbetrieb von der Kulturpolitik vereinnahmen lassen, bis ein paar beherzte Kollegen mit einem „Kulturinfarkt“ polemisierten, im Grunde aber auch ihre eigene Zunft wieder auf grundsätzliche Überlegungen zurückführten.
[Unsere] Forschungen in Hildesheim sind allesamt auf ein Agieren von Kulturpolitik ausgerichtet und da wagen wir uns gerne auch mit Handlungsempfehlungen aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaften. Das wird nicht von allen goutiert, die Scientific Community verharrt beim Erkenntnisgewinn und lässt die Politik es richten. Aber auch Verantwortliche in den Kulturbetrieben sind nicht immer mit den Hinweisen aus den Forschungen zufrieden. Sie lassen sich gerne evaluieren und beraten, aber angesprochen auf die Konsequenzen sind sie sehr sensibel, wenn ihnen Vorschläge zur kulturpolitischen Reform nicht in den Kram passen.

Welche Relevanz hat Europa für die Kulturpolitik?

Europa ist derzeit ein Politikfeld, das sich neu definieren muss. Die nationalistischen und rassistischen Entwicklungen beeinflussen bedauerlicherweise auch die Kulturpolitik. Was einmal als gemeinsame Aufgabe definiert wurde, wird in Frage gestellt, konterkariert und ist obsolet geworden. Bescheidene Initiativen wie EUNIC, das Netzwerk der europäischen Kulturinstitute, das wir beforscht haben, ist ein arg zartes Pflänzchen mit derzeit bescheidenem Output. […]
Und es ist wiederum die Zivilgesellschaft, die Europa kulturell belebt. Unser Projekt dazu sind Forschungen zur Kultur im ländlichen Raum, zusammen mit dem European Network of Cultural Centers. Die Tagung „Artistic Processes and Cultural Participation. New Perspectives for Rural Development“ war ein weiterer Meilenstein des kulturpolitischen Austauschs europäischer AkteurInnen und mündete in die Publikation „Vital Village“ über die Entwicklung ländlicher Räume als kulturpolitische Herausforderung [Anm.: in der auch die KUPF mit einem Beitrag von Klemens Pilsl vertreten ist].

Das Interview, das hier in gekürzter Fassung abgedruckt ist, erschien ursprünglich im Magazin des Kultur Management Network (#134, Juli 2018) und ist dort in vollem Umfang nachzulesen → kulturmanagement.net

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