Positionspapier: Feministische und antirassistische Medienalternativen (2004)

Feministische und antirassistische Medien in der oberösterreichischen Kulturszene
Feministische Medien mit Kulturbackground gibt es in Oberösterreich als eigenständige Projekte gar nicht. Doch es gibt einige Frauenkulturiniativen, die eine eigene Zeitung haben wie z. B. der Frauentreffpunkt Rohrbach, die Insel Scharnstein oder früher das Autonome Frauenzentrum in Linz. Nur die Zeitung des letzteren, die Infam, war wirklich eine Zeitung (die aufgrund von Mitarbeiterinnenmangel eingestellt wurde), die anderen sind eher Publikationen für Programmankündigungen und Infoweitergabe. Selten finden sich wirklich redaktionelle Beiträge.

Diese Reduktion auf Programmankündigungen trifft auf die meisten Publikationen von Kulturinitiativen zu. In einem Feld der erzwungenen Mangelwirtschaft mangelt es fast allen Kulturinitiativen an Ressourcen für Medienprojekte, doch ist in letzter Zeit ein Trend festzustellen, die in der Produktion billigeren Medien wie Radio und Internet wieder verstärkt zu nutzen. Den Verteuerungen bei Postzeitungsversand und Druck zum Trotz entwickeln sich diese alternativen Öffentlichkeiten nun oftmals in neuen Formen. Als Beispiele können die Linzer Netzzeitschrift Prairie oder auch das kleine Webzeitungsprojekt Themenladen im Röda Steyr genannt werden.

Regelmäßige Publikationen mit explizit antirassistischen Schwerpunkten gibt es in Oberösterreich nicht. Es gibt aber einige sehr interessante Projekte in anderen Bundesländern, z. B. Echo eine Zeitschrift von jungen MigrantInnen der zweiten und dritten Generation. Manche MigrantInneninitiativen haben Websites und informieren so über ihre Arbeit. Sehr intensiv wird freies Radio von MigrantInnen genutzt, da findet sich ein mehr- oder muttersprachliches Forum für die eigenen Anliegen. Doch generell kann auch hier gesagt werden, dass die erzwungene Mangelwirtschaft auch die Medienarbeit betrifft. Migrantinnen haben aufgrund ihrer meist schlechteren sozialen Stellung einen größeren Nachteil als Mehrheitsösterreicherinnen.

Es braucht Öffentlichkeiten!
Offensichtlich gibt es in der freien Kulturszene, in der Frauenszene und in MigrantInnenorganisationen den Bedarf, Öffentlichkeiten zu generieren, die nicht von Kommerz und Quotendruck, sondern von selbst entwickelten Inhalten gesteuert werden. Verbunden ist das aber allerdings oft mit Selbstausbeutung und nach einiger Zeit mit Burn-Out, im besten Fall mit atypischer, ungesicherter Beschäftigung.

Politische und rechtliche Rahmenbedingungen
Die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen für freie Medienarbeit sind auch denkbar schlecht. Die Bundespresseförderung ist auf die großen Tageszeitungen ausgerichtet, die Publizistikförderung des Bundes ist schwer zugänglich und man bekommt relativ wenig Geld. Zudem dürfte auch bekannt sein, dass es dort immer wieder Zensur aufgrund der Inhalte gegeben hat und einigen Zeitschriften aus einem linken und kritischen Spektrum die Förderungen gestrichen wurden. Auch freie Radios sind nach wie vor unzureichend rechtlich verankert, aber da ist es zumindest gelungen, Sendelinzenzen und einen beschränkten Zugang zu Kulturförderungsmitteln von Stadt und Land zu bekommen.
 

Die Länder fühlen sich für freie Medienarbeit, für die Förderung von unabhängigen, nicht-kommerziellen Medienprojekten nicht zuständig. Immer wieder wurde seitens der AktivistInnen betont, dass Medienpolitik nicht nur Demokratiepolitik, sondern auch Kulturpolitik ist, doch gehört wurde das nur wenig. Es gibt derzeit einige Anzeichen, dass es zu einer Reform der Medienförderung kommt, und ich bin mir sicher, dass sich da unabhängige, nicht-kommerzielle MedienmacherInnen in die Diskussion einbringen werden. Wir dürfen angesichts der grundlegenden politischen Verhältnisse auf das Ergebnis gespannt sein.

Arbeitsbedingungen alternativer Medien
Mangelwirtschaft in der freien Medienszene verhindert Kontinuität, aufbauende Weiterentwicklung und generiert Arbeitsverhältnisse, die schlimmster Neoliberalismus sind. Und selbst wenn die MacherInnen alternativer Medien noch so guten Willens sind, bleiben dabei gewünschte antirassistische und feministische Inhalte auf der Strecke.

Auch ist nicht per se allen “guter Wille” zu unterstellen, es gibt auch in der Kulturszene noch immer diese Typen: “Lasst mich mit dem feministischen Rumgetue zufrieden.” Oder es gibt auch Leute, die nicht die notwendige Sensiblität haben, die spezifische Situation von MigrantInnen wahrzunehmen und Möglichkeiten für MigrantInnen zu schaffen, für sich selbst zu sprechen und Strukturen selbst zu gestalten.

Alternativen Medien mangelt es oftmals an Ressourcen, um gewünschte inhaltliche oder auch strukturelle Fragen umzusetzen, z. B.: welche Inhalte bei einer Redaktionssitzung angesprochen werden, wer gefragt wird, einen Beitrag zu schreiben oder wer in konzeptionelle Überlegungen involviert wird.

Beispiel 1: Freies Radio FRO
Die Entwicklung der Freien Radios ist in den letzten Jahren sehr dynamisch verlaufen. In den Anfängen von Radio FRO (Linz 105,0 Mhz) gab es eine Menge an organisatorischen Aufbauproblemen, zuerst den Kampf um die Sendelizenz, dann sehr viel Strukturentwicklung, wie so ein 24-Stunden Radiobetrieb gehandhabt werden kann. In den Anfängen gab es auch einige Versuche, feministische und antirassistische Initiativen zu setzen. Wirklich nachhaltig haben diese Initiativen aber nicht gewirkt.

Mittlerweile gibt es bei FRO einen eigenen Schwerpunkt von MigrantInnen. Es laufen von MigrantInnen produzierte Sendungen in 12 verschiedenen Sprachen. Schon seit gut zwei Jahren macht FRO Projekte gemeinsam mit jungen MigrantInnen, die dort über das Medium Radio, aber auch andere Medien neue Ausdrucks- und Artikulationsformen entwickeln können. Das passiert immer wieder in Kooperation mit MigrantInnen-Vereinen. So auch das neuerste Projekt, die Kampagne Linzer Wahlpartie mit der zentralen Forderung nach dem Wahlrecht für MigrantInnen. FRO hat für diesen thematischen Schwerpunkt auch Strukturen und die Finanzierung eines Teilzeitjobs (besetzt von einer Migrantin zweiter Generation) sichergestellt. Ohne diese diese Vorraussetzungen wäre es nicht gelungen, ein sehr vielfältiges, sichtbar antirassistisches Medium Freies Radio zu formieren. Im Rahmen dieser Projekte entsteht viel interessanter Content für das Radio.

Bei FRO gibt es mit Space Fem FM auch eine eigene Frauenradiosendung. Die Aktivistinnen machen diese Sendung ehrenamtlich. Über clevere Kooperation gibt es immer wieder kostenlose oder kostengünstige Ausbildungsseminare und so können neue Frauen gewonnen werden.

Darüberhinaus ist die werktägliche Infoschiene frozine – die nicht nur, aber vor allem von bezahlten RedakteurInnen produziert wird – relevant für antirassistische und feministische Inhalte. Es gibt eine sehr starke Berücksichtigung antirassistischer und feministischer Themen, es kommen MigrantInnen zu Wort, es wird darauf geachtet, immer wieder Frauen zu interviewen oder einzuladen.

Nach einer schwierigen Etablierungsphase entwickelte sich FRO zu einem sehr interessanten Projekt mit feministischen und antirassistischen Perspektiven.
Von den strukturellen Gegebenheiten könnten auch andere Medienprojekte lernen.

Und doch muss kritisch angemerkt werden: Auch wenn Radio FRO unter den gegebenen Bedingungen einen regelmäßigen offenen Sendebetrieb und strukturelle Vorraussetzungen für MigrantInnen und Frauen geschaffen hat, gibt es noch immer genug Menschen, die von diesem Medienzugang ausgeschlossen sind: Weil sie diese Form der Öffentlichkeit nicht haben wollen, aber auch weil sie aufgrund ihrer sozialen Situation einfach andere Prioritäten setzen müssen, als ehrenamtlich Radio zu machen.

Beispiel 2: Kulturplattform Oberösterreich
Die KUPF-Zeitung, die Publikation des Dachverbandes der oberösterreichischen Kulturinitiativen ist ein interessantes Beispiel für die Anwendung gendergerechten Projektmangements. Noch vor fünf Jahren war der KUPF-Vorstand faktisch eine Männerpartie mit ab und zu mal einer Frau; die KUPF-Zeitung war inhaltlich und von den AutorInnen her das gleiche: 80, 90 Prozent Männer.
Nach vielen inhaltlichen Diskussionen in der KUPF, der Etablierung einer Frauengesprächsrunde, aus der dann später der Verein FIFTITU% hervorging und nach der fixen Verankerung einer Quote für den Vorstand in den Statuten hat sich die KUPF-Zeitung verändert. Es wird in der Redaktion darauf geachtet, dass in etwa die Hälfte der Beiträge von Frauen geschrieben werden, und es werden frauenspezifische Themen aus der Kultur, Kulturpolitik und der Kunst immer wieder breit bearbeitet. Das alles geschieht aber auch heute noch nicht von selbst. Es braucht immer wieder Aktive, die explizit darauf achten, Ideen einbringen, dieses Zeitungsprojekt immer wieder in diese Richtung weiter entwickeln.

Auch aus einer antirassistischen Perspektive ist die KUPF-Zeitung interessant. Eine fixe Kolumne wird immer von unterschiedlichen MigrantInnen gestaltet und einer der thematischen Schwerpunkte ist seit einigen Jahren MigrantInnen-Kulturpolitik und die Vorstellung von Kulturprojekten von MigrantInnen.

Es braucht verbindliche Maßnahmen!
Alternative Medien müssen sich nicht nur in ihrer nicht-kommerziellen Struktur und in ihrer kritischen Position zur Gesellschaft von Mainstream-Medien unterscheiden. Es geht auch um die Frage, wer ist Autorin oder Autor, wer gestaltet das Konzept mit, wer generiert Inhalte, welche Positionen finden in alternativen Medien ein Sprachrohr. Wenn die sichtbare Etablierung antirassistischer und feministischer Inhalte und Strukturen nicht gelingt, sind auch alternative Medien nicht anders als Mainstream-Medien.

Einige Thesen zur Entwicklung feministischer und antirassistischer Alternativen in den Medien der Kulturszene:

  • Um feministische und antirassistische Inhalte in alternativen Medien zu verankern, braucht es strukturelle Maßnahmen, es braucht verbindliche Spielregeln, die die gesellschaftlich Nicht-Mächtigen in der Struktur eines Medienprojektes mächtiger machen. Nur der “gute Wille” ist zu wenig, und eine “Insel der Seligen” war die freie Kultuszene auch noch nie.
     
  • Es geht immer auch um Geld. Mangelwirtschaft ist furchtbar, bedeutet Selbstausbeutung und verhindert oftmals Kontinuität und Weiterentwicklung. Es braucht eine andere Medienpolitik und eine andere Kulturpoltik, die freier Medienarbeit den Stellenwert geben, die sie demokratiepolitisch im Sinne aktiver Partizipation der Menschen hat. Das bedeutet eine Menge politische Arbeit, doch die medienpolitischen Ziele der freien Medien werden leichter durchsetzbar sein, wenn sie, wenn sie in Hinblick auf die Partizipation von Frauen und MigrantInnen demokratiepolitische Standards einhalten.
     
  • Medien, gerade die billigeren Medien wie Radiosendungen und Online-Medien, können auch ohne viel Geld und ohne öffentliche Subventionen gemacht werden. Viele dieser so angelegten Projekte scheitern aber an der notwendigen Kontinuität, die durch Selbstausbeutung nur schwer zu erbringen ist.
     
  • Ganz wichtig sind auch andere Rahmenbedingungen: Nur über offenen Zugang (“public access”) kann eine partizipatorische Medienarbeit gemacht werden. Es geht um Zugang zu Infrastrukturen, z. B. zu Computerarbeitsplätzen, zu Fernsehkameras usw., aber es geht auch um die Vermittlung von Medienkompetenz. Medienkompetenz ist mehr als Zeitung lesen können und Websurfen. Es beinhaltet auch die Fähigkeit, selbst gestaltend Mediencontent zu produzieren und zu veröffentlichen. Hier ist es wieder so, dass die gesellschaftlich Nicht-Mächtigen besonders bedacht werden müssen, da traditionelle Sozialisationsmuster nachwirken: Hier sei das Stichwort “Frauen und Technik” genannt, oder die Schwierigkeiten von in unqualifizierte Beschäftigungsverhältnisse abgedrängten MigrantInnen, Zugang zu neuen Technologien zu erlangen.
     
  • Medien brauchen Vielfalt. Damit sind nicht nur die verschiedenen Medien wie Zeitung, Radio, Fernsehen, Online-Medien, die allesamt in ihrer Spezifik ihren Reiz haben, gemeint, sondern es braucht auch inhaltliche und strukturelle Vielfalt. Es braucht Medien von Frauen, es braucht Medien von MigrantInnen, es braucht einen Mix von kulturspezifischen Medien und Medien, die sich anderen gesellschaftlichen Feldern zuwenden. Und nicht zuletzt wäre es natürlich schön, wenn hier in Oberösterreich neue Medienprojekte entstehen würden. Doch auch die bestehenden gemischt-geschlechtlichen Medienprojekte müssen sich zu feministischen und antirassistischen Alternativen weiterentwickeln.


Andrea Mayer-Edoloeyi
geb. 1971, Projektmitarbeiterin für ARTWORKS bei FIFTITU% – Vernetzungsstelle für Frauen in Kunst und Kultur in Oberösterreich; KUPF-Vorstandsmitglied; langjährige Praxis in der freien Kulturszene, Kulturpolitik und in feministischen Projekten.

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