Spät aber doch

Eigentlich wollte ich ganz was anders schreiben. An einem gewissen Samstag gingen mir beim Aufstehen soviele Gedanken durch den Kopf, doch als die ersten Nachrichten vom Tod Johanna Dohnals auf Twitter auftauchten, stiegen ganz andere Gedanken und Erinnerungen hoch. Dann beschloss ich, die Gedanken bei einer mechanischen Tätigkeit einfach fließen zu lassen und fing an, in der Küche aufzuräumen. Gedankenversunken und unachtsam, blieb ich mit dem Fingernagel am alten Obstkorb hängen, ein Stück vom Korbgeflecht brach ab und setzte sich unter dem Fingernagel fest. Schließlich mußte mir der ganze Fingernagel abgenommen werden, um das Holzstück zu entfernen, und somit war es mit dem Schreiben zunächst einmal aus.

Welche Ironie: Beim Nachdenken über Johanna Dohnal eine solche schmerzhafte Verletzung durch Hausarbeit zuzuziehen, die mich an meine vertrauten Tätigkeiten als selbständige Frau hindert.

Die körperlichen Schmerzen lassen inzwischen nach, die Gedanken aber nicht. Ich bekenne mich dazu: ich bin eine alte Feministin, eine linke Emanze, gehöre jener unmöglichen Generation Frauen an, die überall als Abschreckung dienen sollen, wenn Feminismus diskreditiert und ins Lächerliche gezogen wird. Und ich bin stolz darauf.

Und ich kann mich an jenen fernen Zeiten erinnern, als Männer sich über Johann Dohnal aufgeregt haben, doch Frauen jedes Alters sagten ganz unter sich: “Aber eigentlich hat sie ja recht!” Damals – ja, “damals” sagen die alten Frauen – schienen tiefgreifende Änderungen möglich und Hoffnung lag in der Luft, glaubte ich zumindest.

Aber ich kann mich auch erinnern, dass es einmal ein “Skandälchen” im Parlament gab, als alltägliche “Grapschgeschichten” an die Öffentlichkeit drängten. So armselig und lächerlich, wie das Verhalten der männlichen Kollegen im Parlament war, masste sich Jörg Haider an, im Bierzelt am Urfahraner Markt, Johanna Dohnal bei dieser Gelegenheit anzugreifen. Seinem johlenden, angetrunkenen Publikum im Bierzelt erzählte er, Johanna Dohnal würde sich nur deswegen über die sogenannte “Grapschaffäre” aufregen, weil sie “so häßlich” sei, dass sie niemand begrapschen wolle.

Ich persönlich habe ihm diesen “Witz” nie verziehen, aber bis auf ein paar linke Emanzen hat sich niemand darüber aufgeregt. Gehört diese Einstellung, dass sexuelle Belästigung ein “Kompliment” sei, auch zur Abschreckungsstrategie? Freuen sich junge, schöne Frauen wirklich über Grapschversuche und blöde Anmache?

Johanna Dohnal habe ich immer als eine ehrenhafte, integere Politikerin wahrgenommen, die ihre Prinzipien und Anliegen intelligent, präzis, nachvollziehbar und grammatikalisch korrekt formuliert hat. Von welchen Politikerinnen könnte dies heute behauptet werden? Wer bietet sich heute als Vorbild an? Etwa Maria Fekter? Gar Barbara Rosenkranz? Könnte es vielleicht überhaupt eine Strategie sein – eine von konservativ bis ganz rechts eingesetzte –, dass unmögliche Frauen an wichtigen Positionen gesetzt werden, um zu veranschaulichen, dass Frauen in der Politik nichts zu suchen haben? Die wichtigen Entscheidungen dann doch lieber den dünnhaarigen, bierbäuchigen Männern überlassen, nicht wahr? Wo sind wirklich inspirierende Vorbilder zu finden? In der Politik jedenfalls nicht. Wenn ich die kläglichen Figuren anschaue, die heutzutage nur hirnlosen Populismus betrieben, statt politische Verantwortung zu tragen, spüre ich nur Wut.

Aber wen kümmert es, wenn ich wütend bin? Ich bin eben nur eine hässliche alte Emanze.

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