6 Thesen zur Öffnung von Kultureinrichtungen

Mark Terkessidis über notmwendige interkulturelle Maßnahmen.

Wenn Interkultur als Konzept wirkmächtig werden soll, dann geht kein Weg daran vorbei, dass sich die Einrichtungen und Institutionen der Mehrheitsbevölkerung ändern. Warum das so ist und welche Effekte damit verbunden sind, legt Mark Terkessidis in sechs Thesen dar, die sich zwar auf die Situation in Deutschland beziehen, aber auf (Ober-)Österreich anwendbar sind.

1. Das Thema „interkulturelle Öffnung“ wird schon lange diskutiert in Deutschland. Allerdings bezieht sich interkulturelle Öff nung zumeist auf die Polizei, die Sozialdienste und die Verwaltung – also auf Institutionen, von denen man glaubt, dass sie Kontakt zu Personen mit Migrationshintergrund haben. In vielen Fällen bestand diese Öffnung aus der Schulung der einheimischen Mitarbeiterinnen in „interkultureller Kompetenz“ – mit der Konsequenz, dass eine Art ethnisches „Rezeptwissen“ weitergegeben wurde. Erst in letzter Zeit gibt es auch ein Bemühen, mehr Personen mit Migrationshintergrund für den „Personalbestand“ zu gewinnen (in Berlin etwa mit der erfolgreichen Kampagne „Berlin braucht Dich“). „Interkulturelle Öffnung“ muss auch zu einem Thema in den Kultureinrichtungen werden – in Museen, Theatern, Einrichtungen für Literatur, Kunst, Tanz.

2. Warum dieser Öffnungsprozess? Dafür gibt es mehrere maßgebliche Gründe. Zum einen geht es bei Kultur auch immer um das Selbstverständnis einer Gesellschaft . In Deutschland hat man sich nach 1989 auf die Suche nach dem „Eigenen“, nach „dem Deutschen“ begeben – ohne Erfolg. Diese Suche hatte etwas Provinzielles. Der Nobelpreis für Literatur ging schließlich an Herta Müller, eine Deutsche rumänischer Herkunft, an der das Feuilleton stets kritisiert hatte, dass sie sich zu viel mit Rumänien beschäftigt hat. Mit Herta Müller hat eine Person den Nobelpreis bekommen, die – das hat sie in einem Aufsatz geschrieben – wie so viele Menschen mit Migrationshintergrund ständig gefragt worden ist „Woher kommst Du?“; sie wurde wie eine Fremde behandelt. Herta Müllers Rumänien ist heute ebenso Bestandteil deutscher Kultur wie Fatih Akins Türkei. Wir brauchen einen neuen Kulturbegriff , einen, der nicht vor den nationalen Grenzen halt macht und Deutschland nicht als selbstgenügsames Zentrum, sondern als Knoten in einem historischen und aktuellen Beziehungsgefl echt sieht.

3. Ein weiterer Grund für die Öff nung der Kultureinrichtungen ist schlicht Gerechtigkeit. Die aktuellen Institutionen, vor allem jene der Hochkultur, werden zumeist von einer bestimmten Klientel besucht, dem etablierten „Bildungsbürger“. Die Subventionierung der Bedürfnisse eines bestimmten Teils der Bevölkerung ist nicht nachvollziehbar, vor allem angesichts eines dramatischen demographischen Wandels – schon heute sind in den großen Städten bei den unter Sechsjährigen die Kinder mit Migrationshintergrund in der Mehrheit.

4. Tatsächlich hat sich die Frage nach der Öffnung der Kultureinrichtungen deshalb so lange nicht gestellt, weil man davon ausgegangen ist, dass Migrantinnen nicht die nötigen Voraussetzungen haben, um sich Theater oder Kunst anzuschauen. Allerdings hat sich immer wieder gezeigt, dass etwa das Theater viel interessanter wird, wenn es sich nicht nur auf die kanonischen „bürgerlichen“ Geschichten konzentriert. Aber auch wenn man Interesse am Fortbestehen des Kanons hat, dann muss man dafür sorgen, dass neue Formen der Vermitt lung gefunden werden. Das fängt bei den Jugendlichen mit „kultureller Bildung“ an.

5. Was die Personen mit Migrationshintergrund betrifft , so herrscht ein instrumentelles Kulturverständnis vor. Kulturprojekte mit Migrantinnen werden oft aus Sozialtöpfen finanziert, weil eine pädagogische Ausrichtung vorausgesetzt wird. Die Projekte sollen dabei den Dialog fördern, Gewalt verhindern oder „fit“ für den Arbeitsmarkt machen, und sie beschäftigen sich oftmals mit den immer gleichen Themen wie „Heimat“ oder „Grenzen“. Dabei werden Personen mit Migrationshintergrund häufig auf das angeblich Authentische festgelegt, entweder auf ihre ethnische „Tradition“ oder bei Jugendlichen häufi g auf „die Straße“. Doch zum einen geht es in der Kultur um Ästhetik – die Qualität und das Themenspektrum müssen keineswegs leiden, wenn „Laien“ einbezogen werden. Das zeigen die Projekte von Community Theatre / Dance / Music in Großbritannien. Zum anderen ist die Einwanderungsgesellschaft heute eine Selbstverständlichkeit, was bedeutet: Die Kulturinstitutionen haben Versäumnisse aufzuholen. Erst jetzt beginnen die Stadtmuseen damit, die Migration als Teil der Stadtgeschichte zu sehen.

6. Für die Kulturinstitutionen steht ein „Programm Interkultur“ auf der Tagesordnung. Bei Interkultur geht es gar nicht in erster Linie um verschiedene ethnische Gruppen, sondern es geht darum, einen gemeinsamen Raum zu bilden, in dem sich Individuen egal welcher Herkunft und egal mit welchen Voraussetzungen ohne Barrieren bewegen können. Dazu muss sich die Organisationskultur ändern. Für die Kultureinrichtungen geht es darum, den eigenen Personalbestand aktiv umzuwandeln, sich ein neues Publikum zu erschließen und die Agenda dieser Einrichtungen so umzuformen, dass alle gesellschaftlichen Gruppen sich dort wiederfinden können. Diese Veränderung ist nicht etwa eine lästige zusätzliche Aufgabe, eine „Integration“, die man neben wichtigeren Dingen auch noch leisten muss, sondern sollte als kreative Situation begriff en werden. Die Berücksichtigung von unterschiedlichen Herkünften und Voraussetzungen – und das betrifft nicht nur Migrationshintergrund, sondern auch soziale Lage, Alter, Geschlecht, Behinderung oder sexuelle Orientierung – bedeutet einen kreativen Veränderungsprozess für die jeweiligen Institutionen. Es geht nicht um die „Eingliederung“ der Anderen, sondern um Innovation für das Ganze.

Mark Terkessidis lebt in Berlin und Köln, 2010 ist sein Buch »Interkultur« im Suhrkamp Verlag erschienen.

Was macht Interkultur in der Kulturarbeit?
Vortragender: Mark Terkessidis
Gastgeberin: Constanze Wimmer
Am Montag, 12. März 2012, 19.30 Uhr, im Kepler Salon Linz

 

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