Tradition und zeitgenössische Kunst – ein Widerspruch?

Ein alternatives Lexikon der Heimat-Begriffe von Regina Picker

Verwendet man Begriffe wie Tradition, Volkskultur, Identität und Heimat, ist es wichtig, sich mit den unterschiedlichen Auslegungen, den historischen wie auch umgangssprachlichen Prägungen auseinander zu setzen und sich klar zu positionieren. Vor allem im derzeitigen bundespolitischen Fahrwasser, in dem sprachliche Grenzen mehrfach überschritten worden sind, gilt es umso mehr, die Begriffe nicht unreflektiert oder gar ideologisch aufgeladen zu verwenden. Denn über Sprache kreieren wir Realitäten. Dieses ‚Heimat-Lexikon‘ lädt zu einem offenen Diskurs ein.

angeboren? [adj.]: → Tradition, Volkskultur, → Identität und → Heimat sind Begriffe, die für die Ideologien der Nationalsozialist*innen und rechtsextreme Gruppierungen eine Rolle spielten und spielen. Tradition und Volkskultur wird in diesen Zusammenhängen nicht als etwas kulturell Entwickeltes – also Konstruiertes – verstanden, sondern als etwas ‚natürlich‘ Gewachsenes, etwas Angeborenes und Fixes.

Brauch [Subst., m]: → Brauchtumsgruppen kooperieren für das → Festival der Regionen mit Simon Mayer und Teresa Distelberger. Sie gestalten gemeinsam im Vorfeld zum Volxfest Stammtische und Ganztagesworkshops. Es sind dazu auch Menschen eingeladen, denen beim Begriff → Heimat das Grausen kommt.

Codes [Subst., m, pl]: Menschen bedienen sich meist etablierter Codes und geben sowohl Handlungen als auch Verhalten und Denkmuster weiter. All das ist kulturell geprägt und daher erlernt. Kultur ist demnach nicht → angeboren sondern hat (oder hätte) das Potential des Wandelbaren in sich.

Dirndl [Subst., n] → Goldhauben → Trachtenwerkstatt → Vaginas im Dirndl

Festival [Subst., n] → Festival der Regionen: Das diesjährige Festival der Regionen steht unter dem Motto Soziale Wärme. Das Format Volxfest von Mayer und Distelberger ist Teil davon und ein zeitgenössisches Beispiel für die Auseinandersetzung mit Tradition. Beim Tanzboden Workshop von Simon Mayer und Katharina Meier wird eine Atmosphäre für spontane Improvisation geschaffen, Plattler mit Hip-Hop kombiniert und soziale Wärme im Tanz physisch erfahrbar gemacht – mit dabei sind die „Plattlermädels“ und die „Ledersoinbuam“ aus Ried. → Heimatfilm → Sunnseitn

Freie Szene [Subst., f]: „Was die freie Szene ist, ist letztendlich nicht so wichtig, wie die Frage, was die freie Szene alles sein kann. Sie ist ein Spiegel dessen, welchen Rahmen die Gesellschaft zur Verfügung steht. An Partizipation und Teilhabe, an Demokratie und Gerechtigkeit, an Austausch und Diskurs, an Experiment und Innovation. Letztlich ist die Freiheit, die eine Gesellschaft der freien Szene zugesteht, genau der Spiegel dessen, wie frei die Menschen der jeweiligen Gesellschaft sind.“ (P. Kwasi)

Geschlechterrollen [Subst., f, pl]: In volkskulturellen Praktiken werden Geschlechterrollen vermittelt und gefestigt. → Vaginas im Dirndl

Goldhauben [Subst., f, pl]: Die Mauthausner Goldhauben-Frauen pflegen einen sehr offenen und innovativen Umgang mit Tracht. Distelberger arbeitet mit ihnen parallel zum Volxfest an einem Dirndl für Amelia Rosenberg, der Ur-Enkelin des jüdischen Trachtenherstellers Moritz Wallach – begleitet von Gesprächen über das hiesige Erbe des → Nationalsozialismus.

Heimat [Subst., f]: Dieses „blumige Vokabel“ lädt zu Missverständnissen ein. „Es ist eine jene Metaphern, die vielen vieles bedeutet, und [jede/r], [der/die] uns unter Verwendung dieser Wortschabracke Wahrheit, Tiefe oder patriotischen Gemeinschaftssinn predigen will, verschanzt sich bloß hinter einer linguistischen Nebelwand, weil [er/sie] nicht sagen will oder nicht sagen kann, was [er/sie] tatsächlich meint. Heimat ist nämlich stets das, was sich dazu erklären läßt.“ (Riedl 1995:7)

Heimatfilm [Subst., m]: Seit 1988 widmet sich das Festival Der neue Heimatfilm in der Freistädter Altstadt jährlich dem Thema → Heimat in all seinen Facetten, Möglichkeiten und Unmöglichkeiten.

Ibiza [Subst., n]: Eine Insel, auf der Österreicher*innen traditionell viel Alkohol trinken – von Maturareisenden bis Politiker*innen weiß man allerdings nie, wie die Abenden enden.

Identität [Subst., f] ist die Selbstbeschreibung von dem, was einen persönlich ausmacht oder laut Duden die als „Selbst“ erlebte innere Einheit der Person.

Kultur [Subst., f]: Der Begriff Volkskultur wird in Verbindung mit kultureller Herkunft sowie Heimat verwendet und verstanden. Volkskultur in der Ausführung von Tanz, Musik, Ritual und Brauch hat identitätsbildende und gemeinschaftsstiftende, aber auch ausgrenzende Eigenschaften.

Nationalsozialismus [Subst., m, pl] → angeboren?

Performance Brunch [Subst., m]: Matinee-Veranstaltung, welche 2014 von Aline Mohl und Regina Picker in Wien gegründet wurde und seit 2018 auch durch die Bundesländer reist. Ziel ist, zeitgenössischen künstlerischen Arbeiten aus unterschiedlichen Genres, die sich mit Tradition, Brauch, Ritual und den Begriffen Heimat sowie Identität befassen, eine Bühne zu geben. Neue Perspektiven sollen aufgezeigt und Publikum wie Künstler*innen an einem Tisch versammeln werden. Dort tauscht man sich aus. Ziel ist sich auf allen Ebenen zu nähren, vor allem aber auch Raum für Diskussionen aufzumachen.

Quellen [Subst., f, pl]: Kunstprojekte: www.performancebrunch.at, www.vaginasimdirndl.com, www.fdr.at/projekt/volxfest/, http://www.local-buehne.at; Zitate: Joachim Riedl: Heimat. Christian Brandstätter Verlag. Wien 1995, S. 7; Patrick Kwasi: Wie frei ist die freie Szene? (2017) In: https://www.igkultur.at/artikel/wie-frei-ist-die-freie-szene

Sunnseitn [Subst., f] ist ein Freistädter Musikfestival, das jedes Jahr Ende Juli authentische Volksmusik zahlreicher Länder auf mehrere Tanzböden bringt. Dutzende internationale und österreichische Musiker*innen und Tänzer*innen laden zum Tanz der Kulturen.

Tracht [Subst., f] → Trachtenwerkstatt: Distelberger lädt im Rahmen des → Festivals der Regionen gemeinsam mit Mario Sinnhofer aka Touched vorab zu einer Trachtenwerkstatt mit → Wurzelsuppe ein, die mit einer Stickmeditation der → Goldhauben-Frauen eröffnet wird. Trachten werden meist als uniformhafte Kleidung einer bestimmten Region gesehen. Hier jedoch sind die Teilnehmer*innen eingeladen, eine ganz individuelle Version einer eigenen Tracht umzusetzen, in der auch andere Wurzeln und Zugehörigkeiten sichtbar werden. Traditionell, urban, schräg, transgender, multikulturell gemischt – alles darf sein.

Tradition [Subst., f] kann alles sein oder werden, was mit einer gewissen Regelmäßigkeit zelebriert wird.

Vaginas im Dirndl [Subst., f]: Das musikalisch performative Trio Vaginas im Dirndl beschäftigt sich mit der Rolle der Frau. Mit Humor wird über Sexualität und Geschlechterrollen gesungen und die Anatomie beim Namen genannt, verpackt in Gstanzl und Jodler. Der Umgang mit dem eigenen Körper hat eine Auswirkung auf das Selbstbewusstsein und das Selbstverständnis als Mensch und folglich auf die Gleichstellung der Geschlechter in unserer Gesellschaft.
→ Geschlechterrollen

Volk [Subst., n]: Volk an sich meint eigentlich nur eine Menschenmenge, ist jedoch politisch geprägt und wird umgangssprachlich als Bevölkerung eines Landes verwendet. Wie sich diese Bevölkerung eines Landes zusammensetzt, ist variabel und hängt von gezogenen Staatsgrenzen ab. Diese sind ebenfalls in Veränderung. Wer eine Staatsgrenze übertreten darf und wer nicht, wer somit Teil eines Staates werden darf, oder nicht, wird, wie die jüngste Entwicklung in der Asylpolitik zeigt, nicht von der Bevölkerung eines Landstriches bestimmt, sondern von Politiker*innen und deren Interessen.

Wurzelsuppe [Subst., f]: In metaphorischer Weise sehen Distelberger und Mayer ihr Volxfest als einen Versuch, einen Teil des braunen Drecks
(→ Nationalsozialismus), der Brauchtum hierzulande tlw. geschichtsbedingt anhaftet, mit reichlich Sauerstoff, Wärme, Bewegung und frischem Material zu kompostieren um dadurch Humus für Neues zu schaffen – anstatt Tradition kategorisch abzulehnen.

X in Volxfest [Subst.]: Für Simon Mayer steht das X in Volxfest für ungewöhnliche Elemente und neue Perspektiven im Umgang mit Bekanntem, oder zum Teil auch gesellschaftlich Tabuisiertem. Dabei werden Volkstanz, -musik und Trachten spielerisch wiederbelebt und mit Wertschätzung zum Experimentierfeld erklärt. Es wird gemeinsam gefeiert und getanzt, während die Grenzen zwischen Teilnehmenden und KünstlerInnen verschwimmen

Zeitgenössische Kunst [Subst., f]: Geht man von einem wandelbaren Kulturbegriff aus und einer Offenheit der Akteur*innen, so passt auch die zeitgenössische Kunst mit Tradition zusammen, indem hier aktuelle Themen und Fragestellungen einbezogen werden und Vertrautes neu in Szene gesetzt wird.

Regina Picker ist freischaffende Künstlerin im Bereich zeitgenössische Choreografie, Performance und Musiktheater für junges Publikum. Sie lebt und arbeitet in Wien und Oberösterreich. 2014 hat sie das Format Performance Brunch mitbegründet und ist seither im Austausch mit Künstler*innen als auch Wissenschaftler*innen rund um den Themenkreis Tradition, Brauch, Heimat, Identität. Ein aktuelles Research Projekt mit dem Titel traditional – performance – art an der MdW gibt der Auseinandersetzung einen weiteren Rahmen. Eigene künstlerische Arbeiten im Rahmen des Performance Brunch: KÄPTN BICARR 2015, (ST)ROHSCHNITT 2016, FLEISCH 2016, HIGHMAD 2017

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