Beteiligung sticht Repräsentation

Kathrin Quatember legt die Karten auf den Tisch und analysiert das beste Blatt für Beteiligungsprozesse.

Je nachdem, wem man zuhört und mit wem man spricht, pendelt das Verständnis von Kulturpolitik zwischen partizipatorischem Prozess und Elitarismus. Gerade, wenn es darum geht, die Beteiligung am Diskurs so divers wie möglich zu gestalten, ist der Prozess des «Reden wir zuerst darüber, worüber wir überhaupt reden» unerlässlich. Und das möglichst offen und divers. Auch wenn es mühsam ist, auch wenn es dauert. Die Bedürfnisse von Beteiligten äußern sich schließlich genau über ihr kulturpolitisches Verständnis und nur, wenn sie die Möglichkeit bekommen, dieses zu artikulieren.

Katharina Serles schrieb im KUPF-Blog über das Symposium Freie Szene – Freie Kunst. Soziale Gerechtigkeit – Fair Pay im April in Wien in der Conclusio: «Im neoliberalen Umfeld wird ‹frei› zu ‹flexibel›, ‹selbstoptimiert› und ‹vereinzelt›. Um von außen einen politischen Kulturwandel einzufordern und ihn auch von innen zu erreichen, braucht es Zusammenschlüsse, gemeinsame Visionen und Strukturen.» Diese Forderungen verwende ich im Folgenden, um meine Ausführungen zum Notwendigen – und teilweise auch Fehlenden oder Ausgeblendeten – für funktionierende Beteiligungsprozesse zu strukturieren.

Visionen formulieren

Die oftmals sehr beschränkten Ressourcen gehen im Alltagsgeschäft auf. Wir sind beschäftigt damit, bestehende Netzwerke zu pflegen und aufrecht zu erhalten, uns politisch zu engagieren, Jahresplanungen umzusetzen und die Finanzierung zu sichern. Zusätzlich zur Basissicherung sind wir täglich mit rechten An- und Untergriffen konfrontiert. Der Kampf um die kulturpolitische Hegemonie ist kein theoretischer, sondern geht an Energie und Existenz. Das allein schon verschlingt nicht nur zeitliche und finanzielle, sondern auch geistige und emotionale Ressourcen. Doch das Bedürfnis nach Visionen und dem Führen von
Fundamentaldebatten ist ungebrochen. Im Rahmen des Projekts Kulturpolitik wagen der Gesellschaft für Kulturpolitik fanden 2017 und 2018 Regionalforen statt, in denen sich Kommunalpolitiker*innen und Kulturarbeiter*innen Raum und Zeit nahmen, um über progressive Kulturpolitik zu diskutieren und Visionen zu benennen: von Fair Pay über Kulturpolitik als Element von Stadtplanung bis hin zur noch stärkeren Bewusstseinsarbeit, dass Kultur elementarer Bestandteil des Gemeinwesens sein muss. Dass vieles von dem, was hier genannt wurde, schon seit Jahrzehnten immer wieder aufpoppt, zeigt nur, dass Visionen keineswegs immer komplett revolutionär sein müssen, um noch immer als Vision zu gelten.

Strukturen fördern

In der Debatte um den Kulturentwicklungsplan NEU sieht man ein wesentliches Problem oberösterreichischer Kulturpolitik: Es gibt kein politisches Commitment zur freien Szene; sie wird sogar besonders von reaktionären politischen Akteur*innen immer wieder in Frage gestellt. Nur wenn klar kommuniziert wird, dass die freie Szene und ihre Akteur*innen als gesellschaftspolitische Player auf allen Ebenen essenziell sind, gelingt es auch, dass Kulturpolitik in kommunalen Entscheidungsprozessen eine Rolle spielt. Dazu braucht es Vernetzungsarbeit zwischen ihnen und etwa der Kommunalpolitik (Stichworte regionale Kulturbeiräte, kommunale Kulturleitbilder und Ansprechpersonen für kulturpolitische Anliegen innerhalb der Gemeindeverwaltung und -politik), die auch aktiv gefördert werden muss.

Zusammenschlüsse bilden

Was die KUPF schon lange tut – davon brauchen wir noch viel mehr: nämlich Beteiligungsprozesse anzustoßen und zu führen, Bestehendes zu verknüpfen und innerhalb von Organisationen – und damit meine ich nicht nur Kulturinstitutionen – zu schauen, wer etwa in Planungs- und Entscheidungsprozessen nicht berücksichtigt wird. Seien es prekär Beschäftigte, Armutsbetroffene, Menschen mit Beeinträchtigung oder migrantische Communities. Das Entscheidende dabei: der persönliche Konnex. Besonders, wenn es um Marginalisierte geht, braucht es das Vertrauen zu Einzelnen und eine entsprechende Vorlaufzeit, bevor man in konkrete Gruppenprozesse und ein Communitybuilding einsteigen kann.

Fazit, oder: Das Spiel ist nicht aus

Beteiligungs- und Diskursprozesse müssen auf unterschiedlichen Ebenen angesetzt werden – vom Bund bis zur kleinsten Kommune. Kulturpolitik darf nicht zur Repräsentationsfläche mit Konsumzweck verkommen, sondern ist ein kontinuierlicher Prozess, der Ressourcen braucht, ergebnisoffen und diskursiv angelegt werden muss und Vertrauen in die Expertise der Beteiligten setzt.

Kathrin Quatember, Historikerin und Autorin, Projektmitarbeiterin der gfk – Gesellschaft für Kultur­politik OÖ und Koordinatorin von Kulturpolitik wagen!
gfk-ooe.at/ kulturpolitik-wagen
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