Grenzen sichern

Warum es gerade in der Freien Theaterszene weniger Platz für sexuelle Übergriffe zu geben scheint und welche (Infra-)Strukturen es braucht, damit das auch so bleibt.

Die #metoo-Bewegung ist angekommen. In den sozialen Medien, in der Arbeitswelt, auf der Straße und in den Köpfen der Menschen. Das, was sie in den letzten neun Monaten auch im (ober-)österreichischen Theaterbetrieb ausgelöst hat, wird sich so schnell nicht wieder in Luft auflösen. Jedoch muss es nun um Veränderungen, um Lösungen und Präventionsstrategien gehen. Große Häuser können diesbezüglich noch von der Freien Szene lernen.

 

Wo keine Frauen sind

Oona Valarie Serbest, Foto: V. Wakolbinger

Machtpositionen sind mehrheitlich männlich besetzt. Im Kulturbetrieb ist das nicht anders. Für den Großteil der Inszenierungen auf den großen Theaterbühnen des Landes zeichnen Männer verantwortlich. Nach einer Auswertung von mosaik-blog.at sind es 78 Prozent. Es bleiben also magere 22 Prozent für Frauen. Künstlerische Leitungen befinden sich zu zwei Dritteln in Männerhand. Ein Verhältnis, das uns in medias res führt.

«Da, wo keine Frauen sind, wird sich auch nicht für Frauen eingesetzt»

sagt Oona Valarie Serbest von FIFTITU%, der Vernetzungsstelle für Frauen in Kunst und Kultur in Oberösterreich. «So entscheiden immer noch vorrangig Männer darüber, was Frauen brauchen.» Eine Quote sei unerlässlich, das sei mittlerweile vielen klar. Doch mehr noch. Serbest fordert einen Frauenanteil von mehr als 50 Prozent, um dem bereits vorhandenen Ungleichgewicht entgegenzuwirken. Sie fordert diesen in Kombination mit vielfältigen Gremien und Jurys, innerhalb derer in der Gruppe Entscheidungen getroffen werden. «Sobald es Einzelne sind, die entscheiden, geht es um Interessen und Macht und solange die Entscheidungshoheit bei einzelnen Männern liegt, wird sexualisierte Gewalt weiter existieren.» Sie verweist auf das gängige Muster von einem Mann und mehreren betroffenen Frauen.

 

Flache Hierarchien und 70 Prozent Frauen

Serbest spricht dabei einen entscheidenden Punkt an. Wenn eine Einzelperson über viel Macht verfügt, schafft das einen Nährboden für Machtmissbrauch, der sich eben häufig in den im Laufe der #metoo-Bewegung breit diskutierten Abhängigkeitsverhältnissen zwischen Männern als Arbeitgebern und Frauen als Arbeitnehmerinnen manifestiert. Wie schafft es die Freie Theaterszene, diesen vorherrschenden patriarchalen Mechanismen größtenteils – auch sie ist nicht vor Übergriffen und Missbrauch gefeit – vorzubeugen?

Ulrike Kuner, Foto: Erich Leonhard

Laut Ulrike Kuner von der IG Freie Theaterarbeit gibt es in der Freien Szene weniger dieser hohen Positionen. Die Hierarchien seien nicht so ausgeprägt wie jene an den Landes- und Bundestheatern.

«Das Freie Theater ist mitunter entstanden, um aus starren Konzepten auszubrechen, um neue Kooperationen und Formen zu etablieren»,

sagt sie und spricht von einem Frauenanteil von 70 Prozent. Auch wenn es, wie sie zugibt, auf Regie-Ebene etwas weniger sind. Kuner argumentiert auch, dass die Szene mit 40 Jahren eine sehr junge sei, die sich im Kontext der Belange, über die heute im Mainstream gesprochen wird, entwickelt habe, weswegen eine Sensibilität gegenüber Geschlechterthemen immer schon vorhanden gewesen sei. Sie betont zudem, dass Körperlichkeit etwa in der Performance eine ganz andere, nicht sexualisierte sei. Man denke an Pionierinnen wie Doris Uhlich und Florentina Holzinger.

 

„Freies Theater muss wehtun“

Veronika Steinböck, Foto: APA

Dass das Freie Theater nach wie vor Austragungsort für Themen abseits des Normativen ist, ist für Veronika Steinböck vom Kosmos Theater in Wien essentiell für seine Qualität und den ursprünglichen Anspruch, der Gesellschaft sprichwörtlich einen Spiegel vorzuhalten. Die neoliberale Förderpolitik verkompliziere jedoch alles zunehmend.

«Die Fördergelder werden vermehrt nach Ticketverkäufen, nach messbaren Erfolgen vergeben. Freies Theater muss aber auch wehtun»,

sagt sie und fordert, dass es in der Kultur wieder erstrebenswert sein muss, «kritische Geister» heranzuzüchten anstatt das Publikum nur zu bespaßen.

 

zu männlich, zu weiß, zu hetero

Steinböcks Wunsch nach einer Rückbesinnung auf den gesellschaftskritischen Grundanspruch des Theaters mag auf den ersten Blick elitär wirken. Auf den zweiten ist es genau das, was die Freie Szene mit ihren alternativen und aufklärerischen Ansätzen auch in Zukunft braucht, um wirken zu können, um Strukturen zu schaffen, in denen Frauen ein diskriminierungsfreies Arbeiten möglich ist. Schließlich betont auch Steinböck die besondere Stellung des Freien Theaters mit seinen zahlreichen Frauen und seiner großen Solidarität. Oona Valarie Serbest ist nicht ganz so euphorisch und empfindet auch die Freie Szene als zu männlich, zu weiß, zu hetero. Dass Frauen dort so präsent sind, liege daran, dass sie ihre Sichtbarkeit lange eingefordert haben, ein feministischer Konsens war nicht von Anfang an da. Sie ist es auch, die die Unterschiede in den ehrenamtlichen Tätigkeiten reflektiert. «Männer haben vor allem die prestigeträchtigen Ehrenämter inne, Frauen die anderen», sagt sie.

 

Pay the artist!

Dass Freie Szenen meist von prekären Arbeitsverhältnissen geprägt sind, sollte in der Diskussion um Geschlechtergerechtigkeit nicht untergehen. Denn auch wenn es, wie Veronika Steinböck sagt, in der Freien Theaterarbeit kaum Unterschiede in der Entlohnung von Männern und Frauen gibt, ist faire Bezahlung wesentlich für den Erhalt des Theaters abseits des Mainstreams.

Es geht ums Geld. Neben der essentiellen Quote und der Auflösung der Monopolpositionen bei Entscheidungen sind vor allem finanzielle Ressourcen eine notwendige Voraussetzung bei der Prävention von sexuellen Übergriffen und Machtmissbrauch im Freien Theaterbetrieb. So sichern Fördergelder die Arbeit der Freien Bühnen und die entsprechend ausgestatteten Räume, die zum Proben und zur Vorbereitung benötigt werden. Infolgedessen sichern angemessene Honorare (körperliche) Autonomie und Existenz der Künstlerinnen. Eine Lösung im Sinne von #metoo kann also auch hier nur eine strukturelle sein. Scharf gesagt trägt die (ober-)österreichische Kulturpolitik der nächsten Jahre Mitverantwortung für die Unversehrtheit von Frauen in der Freien und auch in der institutionellen Theaterszene.

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