Macht, mach Freiraum!

Richard Schachinger über den starken Aufwind der Freiraumbewegung in Österreich.

 

Raum ist mannigfaltig. Raum kann physisch wie psychisch existieren und ist fester Bestandteil in Disziplinen wie Landschaftsplanung, Architektur und Gesellschaftsanalyse. Raum tangiert selbstverständlich auch das Feld der Kulturarbeit, wie mitunter bei der letztjährigen KUPF-Kampagne aufgezeigt wurde. Über die bloße Möglichkeit zur Veranstaltungsabwicklung hinaus nehmen physische Räume im Kontext der freien Szene vorzüglich politische Funktionen ein und bieten schließlich Platz für psychische Räume1. Der Raum wird zum sozialen Raum. Der soziale Raum wird zum Freiraum. Der Freiraum wird von autonomen Gruppen angestrebt, geschaffen, ausgelebt, verloren und wieder angestrebt. Da die Freiraumbewegung derzeit einen starken Aufwind erlebt, ist es an der Zeit ihre Wurzeln und Aktivitäten zu beleuchten.

Analyse von Macht, Herrschaft und Hierarchie Ein grundlegendes Charakteristikum der Freiraumbewegungen – die sich als äußerst heterogene Kollektive manifestieren – ist die Auseinandersetzung und Analyse von Macht, Herrschaft und Hierarchie. Im libertären Diskurs rund um diesen Themenkomplex wurde Herrschaft bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts im klassischen Sinne des Soziologen Max Webers als »Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden«2 verstanden, womit ein pauschales Machtgefüge von Regierten und Opfern gemeint ist, welches jede Person mit Gewalt zu Gehorsam zwingt. Der Nationalsozialismus führte zu einem grundlegenden Umdenkprozess, wonach mit vereinfachten Dichotomien zwischen autoritärem Staat und Bevölkerung gebrochen wurde und die so genannte Zivilgesellschaft mit in die Verantwortung genommen wird, Machtgefüge und Hierarchien durch Duldung erst möglich zu machen. 3 Im Umkehrschluss impliziert dies, dass es in den Händen der einzelnen Individuen selbst liegt, soziale Beziehungen aufzubauen, die sich von hierarchischen Strukturen loslösen und die Selbstbestimmheit »von unten« ins Treffen führen. Genau an diesem Punkt betreten wir nun das Feld von Freiräumen, die nach wie vor entweder in Form bzw. in Folge von überwiegend sehr friedvollen Hausbesetzungen oder am Verhandlungstisch errungen werden. Als Freiräume sind in diesem Fall physische Orte gemeint, welche in erster Linie selbstverwaltet und demokratisch, nicht kommerziell ausgerichtet und frei von Rassismen, Sexismen und Homophobie sind. 4 Diese »linken« Strukturen als Eckpfeiler bereiten jenen Boden, der für alternative Ausdrucksformen notwendig ist.

Aber ist das nicht ein reichlich alter Hut aus der Nostalgieabteilung der 1970er Jahre, Marke Bethanien-Haus in Berlin-Kreuzberg? Mitnichten. Gründe dafür gibt es zuhauf, allesamt speisen sie sich aus gegenwärtigen Gesellschaftsphänomen. Wenn einerseits die Politik zunehmend als Gesellschaftsverwaltung verstanden wird und »Konvergenzkriterien innerhalb der Parteienlandschaft von den Modernisierungsansprüchen des Kapitals vorgegeben werden, wird der Weg unweigerlich in die Sackgasse der Alternativlosigkeit führen.« 5 Außerdem hat »die neoliberale Globalisierung nahezu alle Lebensbereiche erfasst und unter das Diktat einer profitablen Verwertung durch private Kapitale gestellt«. 6 Hier muss vor allem auch der Umstand angeschnitten werden, dass im Prozess der Neuformierung politischer und ökonomischer Macht- und Herrschaftsstrukturen auf globaler Ebene den Städten eine besondere Rolle zukommt, da sich dort die soziale Ungleichheit und politische Exklusionsprozesse verschärfen, was direkt mit dem Wunsch nach Freiräumen oder deren Verteidigung in Verbindung steht.

Wäre Wien ohne »Arena«, »WUK« oder »Flex« vorstellbar? Wohl kaum. All diese genannten Institutionen gehen direkt oder indirekt auf die Freiraumbewegung in Wien zurück. Darum sind auch die aktuellen Freiraumaktivitäten in Öland von Interesse, wobei sie äußerst breit gefächert sind und aufgrund ihrer Fülle hier leider nur exemplarisch erwähnt werden können: Neben dem heute wohl bekanntesten Freiraum, dem Ernst Kirchweger Haus (EKH), gibt es mit der »Pankahyttn«, der »I:DA« (ideedirekteaktion) und dem »Wagenplatz« nach wie vor eine umtriebige Szene. Zudem existieren ein »Kost-nix-laden« ganz nach dem Motto »bring was wenn du willst, nimm dir was du willst« oder die »Bikekitchen«, eine hierarchiefreie Fahrradwerkstatt mit Küche und Wohnzimmer. Weiters werden von der Freiraumgruppe Wien Volxküchen und Spontanbesetzungen von leer stehenden Gebäuden vorgenommen, wie zum Beispiel in der Nacht vom 6. auf den 7. September 2008, wo der Gebäudekomplex »Stadt des Kindes« im 14. Bezirk besetzt wurde. Aber auch über Wien hinaus werken zahlreiche Gruppen an Freiräumen, wie das Vorarlberger Freiraumsaktionsmonat im Herbst 2008 mit einigen Programmpunkten und einer Hausbesetzung unter Beweis stellte. Abschließend möchte ich für all jene, die sich mit konkreten Praxisbeispielen näher auseinandersetzen wollen, den Dokumentarfilm »[frei]raum« 7 über Raumexperimente in Salzburg nahe legen.

Richard Schachinger ist freier Kulturtäter und Medienaktivist aus Vöcklabruck.

1 Vgl. Lebuhn H. (2008): Stadt in Bewegung. S. 54ff 2 Vgl. Weber M. (1972): Wirtschaft und Gesellschaft. S.28 3 Vgl. Burnicki R. (2003): Anarchismus und Konsens. S. 37 ff 4 Vgl. http://www.freiraum.at.tt – Hp der Freiraumgruppe Wien 5 Vgl. Senft. G. (2006): Essenz der Anarchie. S. 7 6 Vgl. Lebuhn H. (2008): S. 11 7 http://www.freiraum.me

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