Offen ausgewählt

Ergebnisse und Blitzlichter der Jurysitzung zum Innovationstopfes ‘04

 

Der im Dezember 2003 ausgeschriebene KUPF-Innovationstopf „Neue Räume – space for radical openness“ erreichte mit der öffentlichen Jurysitzung am 16. April 2004 im KunstRaum Goethestraße seine zweite Etappe. Nun ist bekannt, welche Projekte ab Oktober 2004 der Öffentlichkeit entgegentreten werden. Das Thema hat gesessen. Ausgesprochen viele Einreichungen gelangten bis zum Einreichschluss in das Büro der KUPF. Die Ordner für die Jury waren bis zum Anschlag gefüllt. Andre Zogholy, Vorstandsmitglied der Kulturplattform, war angesichts der Resonanz auf die Ausschreibung begeistert: „Es freut uns, mit dieser Ausschreibung wieder den Puls der Zeit getroffen zu haben. Offenbar sind die von uns eingebrachten gesellschafts- und kulturpolitischen Themen nach wie vor von großem Interesse.“ Das sicherlich. Doch sei auch hier das Vermittlungsprogramm im Vorfeld des Einreichschlusses erwähnt, das durch Diskussionsrunden, Texte und Radiobeiträge Themenfelder der Ausschreibung auszuleuchten versuchte.

Gewohntermaßen waren in die Ausschreibung wieder eine Reihe von KUPF-Themen verpackt, so zum Beispiel: Öffentlichkeit, Gleichstellungspolitik und Gesellschaftskritik. Aufgerufen wurde zu Projekteinreichungen aus dem zeitkulturellen wie künstlerischen Bereich, die sich am Ausschreibungstext orientieren und einen Projektkontext zu Oberösterreich herstellen können. Ein Ausschlusskriterium wie Wohnsitz und StaatsbürgerInnenschaft gab es nicht, was angesichts vergleichbarer aktueller Ausschreibungen leider keine Selbstverständlichkeit darstellt.

53 eingereichte und 11 ausgewählte Projekte bedeuten leider 42 Projekte, die ihre Finanzierung anderswo sichern werden müssen oder ihre Projektidee auf Eis legen werden. Dies stand nach neun Stunden Beratung und Diskussion der Jury, bestehend aus Vlatka Frketic, Peter Arlt, Johanna Schaffer, Gottfried Hattinger und Sabine Benzer, fest (siehe Kasten). Fest stand auch, dass neun der ausgewählten Projekte die beantragte Summe zu 100% zugesprochen wurde. Lediglich zwei Projekte erfuhren eine geringfügige Kürzung, die sich durch den mit 90.000,- Euro limitierten Inhalt des KUPF Innovationstopfes erklärt.

Weiters wurde zu allen abgelehnten Projekten eine kurze Begründung formuliert. In Zeiten mangelnder Transparenz bei der Förderung von Kunst und Kultur setzt die KUPF hier selber ein wichtiges Zeichen.

Ablauf der Jurysitzung Grundlagen der Diskussion im Rahmen der Jurysitzung des Innovationstopfes waren die von der KUPF vorgegebenen Einreichkriterien und der von den Jurymitgliedern individuell gesteckte Bewertungsrahmen, der zu Beginn der Sitzung dargelegt wurde und die Unterschiedlichkeit der JurorInnen verdeutlichte. Bevor in einem ersten Durchgang die JurorInnen ihre Vorauswahl (muss/nein) bekannt gaben, wurde zur Vergabepolitik des Innovationstopfes beraten und einzelne Bewertungsschwerpunkte der Jury relativiert. So wurde zu dem Punkt „Infrastrukturförderung“ festgehalten, dass Projektförderung nur in Kombination mit einer funktionierenden Basisförderung Sinn macht. Da öffentliche GeldgeberInnen immer mehr Projektförderungen favorisieren, dürfen Investitionen kein Ausschlussgrund aus dem Innovationstopf sein. Weiters entschied die Jury, Projekte gezielt und möglichst ganz zu finanzieren. Weitere Vorhaben, wie etwa detaillierte Diskussion der Finanzpläne, wurde aus Zeitmangel nicht umgesetzt.

Die zweite Runde ging bereits näher auf die Projekte ein und gewichtete aufgrund der Jurydiskussion die Entscheidungen aus der ersten Runde neu (muss/kann/nein/Enthaltung). Die dritte Runde widmete sich der Begründung der Nichtförderung der Projekte mit mehr als der Hälfte „nein“-Stimmen. Die vierte Runde bemühte sich um die exakte Verteilung der Mittel auf die nach Muss, Kann und Nein gereihten Projekte, was einen Schlussstand von 11 zu fördernden Projekten zur Folge hatte.

Unangenehm: die Ablehnungen Ein Stimmungsbild aus den Argumenten der Ablehnungen: unklare Ausdrucksweise; Projekte, die mit ihren NutzerInnen wie Material umgehen; überzogene Finanzpläne; Frauen in Opferrolle; affirmative Kritik – Wiederholung von Bestehendem, ohne Angaben wohin es gehen soll; lieblos, widersprüchlich, Themenverfehlung, Ausschreibungstext nicht gelesen, reines Spaßprojekt, …

Gewichtungen der Jury Johanna Schaffer formuliert die Herrschaftskritik als wichtigstes Kriterium: Ob und wie ein Projekt sich damit beschäftigt, wie Strukturen der Privilegierung und Disprivilegierung erzeugt und aufrecht erhalten werden und ob ein Projekt auch damit umgeht. Damit schenkt sich auch die Frage in der Ausschreibung nach Aufmerksamkeit auf Geschlechterverhältnisse. Johanna teilt die Ansicht von Vlatka Frketic und formuliert das Nichtbeachten dieser Frage als Ausschlusskriterium. Weiter interessiert Johanna, wie mit der Vorstellung des „space“„ der „radical opennes“ umgegangenen wird: Wie weit weist ein Konzept ihre Bedingtheit aus und stellt diese Verhandlung dar? Sie interessiert, wie die Projekte zu ihren NutzerInnen stehen und es schaffen, kollektive Diskussionsräume zu erzeugen. Auch den symbolischen Politiken der Projekte wird sie Beachtung schenken.

Peter Arlt formuliert seine Kriterien durch Gegensätze. Wichtig sind ihm die Vorarbeit sowie die Hintergründe von Projekten, die Vernetzung und Synergienbildung. Weiters findet Peter Parallelstrukturen und Einreichungen ohne Fundament nicht gut und mag keine Projekte, die in der eigenen Suppe „tümpeln“, die sehr strukturell und abstrakt sind, die pädagogisch-oberlehrerInnenhaft daherkommen und möchte auch keine Programmierung von Webseiten unterstützen. Dafür mag Peter Projekte die eine gewisse Überraschung bergen, wie sie ausgehen. Er kritisiert, dass Kunst sehr wenig vorkommt – viel Politik, Soziales, Gender und Kultur im weitesten Sinne. Er steht der Kulturalisierung des Sozialpolitischen skeptisch gegenüber, denn dort „ist es nett und ungestört und die Projekte tun niemandem weh.“

Sabine Benzer hält sich an die Kriterien der Ausschreibung, im Speziellen Gegengewicht und Opposition, favorisiert gesellschaftspolitische Gewichtung von Kulturprojekten und setzt einen Schwerpunkt auf Medienprojekte sowie auf Kulturarbeit von MigrantInnen. Sabine kritisiert die mangelhafte Bezugnahme der Einreichungen auf die Frage der Geschlechterverhältnisse.

Vlatka Frketic legt ihren Fokus bei der Bewertung der Projekte auf feministisch-queer, sie findet wichtig, dass bestehende Machtgefälle explizit erwähnt werden und dass MigrantInnen in Projekten als aktive GestalterInnen fungieren. Auch Vlatka bringt den Genderaspekt der Ausschreibung und die Nichtbezugnahme vieler Einreichungen darauf zur Sprache und kritisiert, dass – im Falle einer Bezugnahme – die Differenzierung sich auf Mann/Frau beschränkt. Sie sieht allerdings keinen Ausschließungsgrund, wenn sich das auf der Sprachebene niederschlägt, sondern gewichtet mehr nach tatsächlichem Inhalt.

Gottfried Hattinger legt seinen Fokus auf die Innovationskraft künstlerischer Projekte im öffentlichen Raum und stellt die Frage, warum gerade das Kunstfeld Operationsgebiet für Projekte mit sozialem Charakter sein soll. Er sieht dort, ähnlich wie Peter, am wenigsten Wirkung.

Wie weiter? Knapp 10 Jahre nach der Erfindung des KUPF Innovationstopfes gibt es kaum Anlass die Intention des Topfes neu zu formulieren: Projektförderungen abseits tradierter Fördermuster, beispielgebende Vergabemodalitäten und flexible thematische Ausrichtung der Ausschreibung sind die Eckpunkte des Erfolgskonzeptes KUPF-Innovationstopf. Die erneute Dotierung durch das Land OÖ vorausgesetzt, soll der Innovationstopf 2005 im Herbst dieses Jahres ausgeschrieben werden. Die ProjektträgerInnen des IT 04 haben nun bis Oktober Zeit für weitere Recherchen und Vor- bzw. Aufbauarbeit. Für Mitte Oktober 2004 wird ein gemeinsamer Start bzw. Präsentation der Projekte angestrebt. Laufend aktuelle Infos zur weiteren Abwicklung des KUPF-Innovationstopfs sind der Homepage der Kulturplattform OÖ zu entnehmen.

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