Begrenzte Offenheit?

Heidi Schweitzer’s Nachbetrachtung des zweiten Kamingesprächs der KUPF

 

Vor einem Fernseher mit Kaminfeuer im Dauerloop und ungefähr 30 Leuten im Publikum fand das zweite „kulturpolitische Kamingespräch“ der KUPF im KunstRaum Goethestraße statt. Thema des Abends sollte „Space for Radical Openness“ sein, das auch den heurigen KUPF-Innovationstopf betitelt. Es diskutierten Hito Steyerl, Filmemacherin und Kulturtheoretikerin aus Berlin, und Georg Ritter von der Stadtwerkstatt. Moderiert wurde der Abend von Andrea Mayer-Edoloeyi.

Die Diskussion bestand im Wesentlichen aus zwei verschiedenen Strängen, dem Hauptstrang der „radical openness“ und deren Grenzen, andererseits dem von Georg Ritter immer wieder eingebrachten Begriff der Arbeitsverweigerung, die sich eher nur ansatzweise überlappten.

Während die KUPF in ihrem Ausschreibungstext zum Innovationstopf nach bell hooks „in gesellschaftlichen Strukturen und in verschiedensten Institutionen oder Häusern aller Art“ Manifestationen einer „neuen Bürgerlichkeit“ feststellt, bringt Hito Steyerl interessante Ansatzpunkte um eine sinnvolle Grenzziehung „radikaler Offenheit“ ins Spiel. Sie assoziiert mit dem Begriff der „radical openness“ ein Bett auf offenem Feld, gesellschaftliche Räume, die geöffnet werden, keinen Schutz (mehr) bieten – eine Verfasstheit, die die neoliberale Situation absolut kennzeichnet: Privatisierung, die Aufhebung von Rechten. Schutzmechanismen, die einer radikalen Offenheit ausgesetzt sind.

Wo liegen die Grenzen dieser Forderung nach „radical openness“, die natürlich Sinn hat, wo es um demokratische Mitwirkung, Partizipation, Öffentlichkeit etc. geht? Die sich aber in ihr Gegenteil verkehrt, neoliberal gewendet wird, wenn es um Frauenhäuser, Illegalisierte etc. geht. Wenn Strukturen radikal „gesprengt“ werden sollen, soll sich auch die Frage stellen: Welche Strukturen will ich (vielleicht lieber nicht) sprengen? Die Funktionsweise des heutigen neoliberalen Systems beruht doch auf der Zerschlagung ebendieser gesellschaftlichen Strukturen, um und für die ArbeiterInnen die letzten hundert Jahre gekämpft haben! Hat es Sinn, den Abschiebeknast zu sprengen? Illegalisierte zu veröffentlichen?

Auch Gerald Raunig (eiPcP; aus dem Publikum) sieht die Gefahr einer postfordistischen Wendung von „space for radical openness“. Das Gegensatzpaar „öffentlich/privat“ wird zu „öffentlich/geheim“. Wie sehen clandestine oder geheime Öffentlichkeiten aus? Parallel dazu spricht Georg Ritter hauptsächlich über Arbeitsverweigerung in unterschiedlichen Varianten: den Abbruch seiner Konditorlehre, die Verweigerung des kapitalistischen Produktionsprozesses, Selbstorganisation und die Veröffentlichung und Zur-Verfügung-Stellung erwirtschafteten Mehrwerts als Gemeinnutzen. Auch öffentliche Räume, Zugänge und Schwellen zu ebendiesen, der Kampf um physische Flächen und der um Medien kommen zur Sprache.

Hito Steyerl zeichnet die Entwicklung der Arbeitsverweigerung in zwei Schritten: Zuerst hatte sie eine gewisse Autonomie der ArbeiterInnen zufolge, allerdings hat sich mittlerweile die Wirtschaft von den ArbeiterInnen autonomisiert: „Dann nehmen wir halt jemand anderen“. Andre Zogholy (KUPF) schließt den Kreis, der sich aus diesen beiden Diskussionssträngen ergibt: Auch für die Frauenhäuser gab es VorkämpferInnen, die Häuser zuerst geöffnet, besetzt und dann wieder geschlossen haben. Es gibt keine starre Grenze, keinen starren Gegensatz zwischen Offenheit und Geschlossenheit!

Heidi Schweitzer ist Vorstandsmitglied im Kulturverein Waschaecht/Wels

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