Kunst zwischen Institution und Politik

Reinhold Schachner-Nedherer besuchte ein Symposion des eiPcP

 

Das European Institute for Progressive Cultural Policies (eipcp) startete vom 26. – 28. Februar 2004 in Wien eine europaweite Reihe von Konferenzen und Symposien mit dem Titel „republicart 2004“. Die erste Konferenz des heurigen Jahres widmete sich in der Kunsthalle Exnergasse/WUK dem Thema „Public Art Policies. Progressive Kunstinstitutionen im Zeitalter der Auflösung des Wohlfahrtsstaats.“

„Was ist die Funktion der Kunstinstitution?“, lautete die eingangs von Stella Rollig präsentierte Kernfrage der Konferenz Public Art Policies. Die Leiterin des Lentos und neben Dorothee Richter die Ko-Moderatorin der Konferenz fuhr fort: „Man muss sich bewusst sein, dass es nicht nur um zwei Blöcke geht, der Macht und des Kunstbereichs, sondern eine Institution ist selbst Medium und gar Produzentin hegemonialer Muster und Strukturen. Wie kann man sie nutzen, um damit emanzipatorisch umzugehen?“ Darüber referierten nun an den folgenden Tagen über ein Dutzend aus allen Ecken Europas angereiste ReferentInnen nicht nur auf theoretischer Basis, sondern stellten auch ihre praktischen Betätigungsfelder im Bereich von Kunstinstitutionen vor. Eingeteilt wurde die Konferenz in drei Blöcke: Theoretische Grundlagenbestimmung, Vorstellung von progressiv ausgerichteten Kunstinstitutionen und schließlich kulturpolitische Tendenzen auf theoretischen und praktischen Ebenen beschreiben. Folgende Zusammenfassung beschränkt sich in Anbetracht des riesigen Konvoluts auf den Eröffnungsabend, der aufgrund der ausgewählten Vortragenden, eine gute und kurzweilige Mischung aus Praxis und teils abgefahrener Theorie ergab, und somit mehr als andeuten konnte, wohin Public Art Policies gehen kann und soll.

Die Konferenz eröffnete anlass- und kontextbedingt die ehemalige Leiterin der Kunsthalle Exnergasse Franziska Kaspar. In dieser Funktion befand sie sich dreizehn Jahre lang in der Pufferzone zwischen Kunst und Politik und im Besonderen, was die Kunsthalle Exnergasse, die ins WUK eingebettet ist, betrifft, zwischen Selbstverwaltung und Betriebsstruktur. Den Kern ihres Referats bildete die im Jahre 2001 vom WUK vollzogene Reform und Strukturumwandlung hin zu einem strategischen Marketingkonzept, das ursprünglich für „General Electric“, ein Großunternehmen mit Schwerpunkt in den Bereichen Finanzdienstleistungen, erneuerbare Energien und Medizintechnik, konzipiert wurde. Franziska Kaspar versuchte „so gut es ging, sich diesem Modell zu verweigern“, zumal die Kunsthalle Exnergasse eine nicht-kommerzielle Plattform für Ausstellungen und Projekte darstellt. Mit dieser verweigernden Haltung machte sich die auf Eigenständigkeit pochende Kunsthalle zum schwarzen Schaf im WUK und für Franziska Kaspar war die letzte Konsequenz, zu kündigen, im Jänner 2004 unvermeidlich.

Den Basistext zur Konferenz verfasste der Ko-Direktor des eipcp, Philosoph und Kunsttheoretiker Gerald Raunig. „Progressive Kunstinstitutionen im Zeitalter der Auflösung des Wohlfahrtsstaats“, dieser Text und zugleich Untertitel der Konferenz sollte zwei Ebenen abdecken. Einerseits zentrale Begriffe erörtern, die im Vorfeld zur Konferenz Stoff für Diskussionen abgaben und die Konferenz selbst terminologisch abstecken sollten, andererseits wollte Raunig damit „die strategische Stoßrichtung der Konferenz erläutern, die sie im Rahmen des Instituts (eipcp, Anm.) und des Gesamtprojekts republicart einnimmt.“

Raunig sei bewusst, dass der Ausdruck Institution ein breit gefächerter ist. Er mache die Unterscheidung zwischen politischen Parteien, Gewerkschaften und ähnlichen Institutionen und kleinen kritischen Kunstinstitutionen, wobei natürlich letztere im Blickfeld der Konferenzen wären. Kristallisieren sich beim Begriff Institution noch relativ mühelos die verschiedenen Bedeutungen heraus, so verhält es sich beim Ausdruck Progressivität um einiges komplexer. Raunig entlehnt seine Auffassung von Progressivität einem Zitat Bert Brechts: „Wirklicher Fortschritt ist nicht fortgeschritten sein, sondern fortschreiten.“ Dieses Progressiv-Werden würde sich laut Raunig dafür eignen, „zwischen den Polen politische Bewegung und der Organisierung bzw. Verkettung verschiedener Artikulationsformen auch mittels Institutionen zu vermitteln“. Demnach müsste eine progressive Institution eine „bewegte Praxis der Organisierung betreiben“, das würde nicht nur ein fortwährendes Sich-Selbst-in- Frage-Stellen beinhalten, sondern vor allem auch den „konfliktuellen Austausch mit dem gesellschaftlichen Außen offensiv und permanent bewerkstelligen“, so Raunig.

Der letzte Teil des Untertitels „die Auflösung des Wohlfahrtsstaats“ sei im Sinne des Historikers und Philosophen Michel Foucault zu verstehen: „Der Abbau wohlfahrtsstaatlicher Interventionsformen ist begleitet von einer Restrukturierung der Regierungstechniken, die die Führungskapazität von staatlichen Apparaten und Instanzen weg auf verantwortliche, umsichtige und rationale Individuen legt.“

Den Begriff der Progressivität nahm auch Helmut Draxler, Kunsthistoriker, -kritiker und Lehrender an der Merz-Akademie in Stuttgart, in seinem Referat auf. Er stellte zunächst die These auf, dass Kunstvereine per se nicht progressiv seien, da sie Teile der im 19. Jahrhundert entstandenen konservativen, bürgerlichen Kultur wären. Nun spielt aber nicht nur die bürgerliche Tradition nach wie vor eine bedeutende Rolle im Kunstschaffen und Herstellen von Rahmenbedingungen, sondern auch der Staat und neoliberale Strömungen entdecken das symbolische Kapital so genannter progressiver Kunst. Eine laut Draxler „nicht ideale Situation“, die ihm persönlich aber sehr entgegen kommen würde. Es sei halt eine Frage der Taktik. Er würde nichts von Versuchen halten, bürgerliche Institutionen martialisch umzukrempeln, sondern vielmehr mit subversiven Absichten in diese einzutreten und natürlich von innen heraus in Frage zu stellen; mit anderen Worten einen Politisierungseffekt herbeizuführen. Draxler verwies an dieser Stelle auf einen Satz des Filmemachers Jean-Luc Godard: „Es geht nicht darum einen politischen Film zu machen, sondern einen Film politisch.“ Diese Haltung Godards sei natürlich nicht eins-zu-eins auf progressive Institutionen oder kritische Kunst übertragbar, zumal schon der Unterschied zwischen einen politischen Film machen und einen Film politisch zu machen eine große Herausforderung darstellen würde. Trotzdem fordert Helmut Draxler diesen Ansatz in die Reflexion der eigenen Arbeit einfließen zu lassen.

Chantal Mouffe, Professorin für politische Theorie an der Universität Westminster in London, sieht ihren Standpunkt als Kritik und Gegenposition zum, wie es Slavoj Zizek zu nennen pflegt, „kommunistischen Manifest des 21. Jahrhunderts“, dem Buch Empire1 von Negri und Hardt. Ein Strang der Antiglobalisierungsbewegung nähert sich der von Negri und Hardt entwickelten These, dass dem Empire nur insofern entgegengetreten werden könne, indem lokale als auch nationale Organisationen und Strukturen verabschiedet werden. Dieser Logik folgen hieße, im weiteren Sinne, sich von Nation, Identität oder Volk zu befreien, im engeren Sinne, sich von Institutionen wie Parteien oder Gewerkschaften fernzuhalten. Hingegen ist für Mouffe gerade die Frage des Politischen im antiglobalen Auftreten der springende Punkt; sie fordert ein Politisch-Werden der Antiglobalisierungsbewegungen. Dabei sei eine Auseinandersetzung mit beispielsweise Parteien oder Gewerkschaften unumstößlich. Mit dem politischen Aspekt gehe der geografische einher, denn der politische Raum sei kein rein abstrakter, sondern setze sich auch aus vielfältigen lokalen Bindungen und Knotenpunkten zusammen, denen ein effektiver Widerstand nur genauso mannigfaltig lokal strukturiert und verbunden entgegengebracht werden könne.

Abschließend sollte noch festgehalten werden, dass die Konzeption der Konferenz sehr gelungen ist. Nicht nur, dass die Vortragenden eine illustre Runde aus verschiedensten thematischen und geografischen Regionen bildeten und mit einer Podiumsdiskussion zu Public Art Policies ein brandaktuelles Thema als Konferenzabschluss aufgegriffen wurde, sondern, dass auch das Publikum ein hervorragendes Service in Form von einführenden, erläuternden Moderationen und Simultanübersetzung bekam.

1 Hardt, Michael; Negri, Antonio: Empire. Die neue Weltordnung, Campus Verlag 2002

Reinhold Schachner-Nedherer absolviert ein Lehramtsstudium Psychologie/Pädagogik/Philosophie/Germanistik an der Uni Wien

http://www.eipcp.net http://www.republicart.net

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