Politik versus Moral

Das Positionspapier der IG Kultur zum Politischen Antirassismus stellen Gabi Gerbasits und Stefan Haslinger vor.

 

„Gerade weil Rassismus nicht nur bei den Unzufriedenen im Gemeindebau oder in den Randbereichen der Ballungszentren anzutreffen ist, sondern als Kennzeichen eines Systems aus Politik, Verwaltung und Medien aufgezeigt werden muss, richtet sich die IG Kultur Österreich vor allem auch an die Kulturpolitik und Kulturadministration“, schrieben Rubia Salgado und Martin Wassermair in den Kulturrissen 0403.

Damit ist einerseits schon viel gesagt bzw. erklärt, andererseits wirft es trotzdem die Frage auf, welchen Stellenwert antirassistische Arbeit als Teilbereich der Kulturarbeit einnimmt.

Die sich selbst – vor allem seit Mitte der 90er – politisch definierende und äußernde Kulturarbeit beansprucht die „Anti-Phrasen“ schon immer für sich, ist aber – trotz allem progressiven Charakter – nicht davor gefeit in Floskeln abzudriften. Genau hinter dieser „Gefahr“ vermute ich einen Beweggrund, ein antirassistisches Positionspapier einer kulturellen Interessensvertretung zu verfassen. Im Positionspapier heißt es dann auch: „Der strukturelle Rassismus bildet in der Gesellschaft ein feindliches Umfeld der Ausgrenzung, die eine Selbstorganisation zur Folge haben muss. Gegenüber diesem feindlichen Umfeld darf sich politische Kulturarbeit gerade aufgrund ihrer Selbstdefinition nicht gleichgültig verhalten. Politische Kulturarbeit ist schließlich grenzüberschreitend, durchdringt alle Bereiche der Gesellschaft und entwickelt Gegenmodelle zu bestehenden Geschlechterkonstruktionen, nationalstaatlichen Modellen und sozialen Hierarchien.“

Es geht – wie meistens zu Beginn – um Sensibilisierung für die Thematik. Dass Kulturinitiativen politisch agieren, in einem antirassistischen Konses arbeiten, wird allgemein vorausgesetzt, doch die Frage, welche bleibt ist, worauf sich dieser Antirassismus gründet. In dieser Frage liegt ein weiterer Schwerpunkt des Positionspapiers. Es geht nicht um karitativ-moralisches Kopfschütteln, sondern um politische Arbeit, um politischen Antirassismus. „Rassismus äußert sich in historisch gewachsenen Strukturen der Ungleichheit. Ihnen liegt das Interesse zugrunde, in Abgrenzung gegenüber explizit rassistisch definierten Merkmalen (z.B. aufgrund der Herkunft, Hautfarbe, Religion) eine kulturelle und ökonomische Hegemonie zu rechtfertigen und durchzusetzen. Am deutlichsten wird dieses System der Ungleichheit in der so genannten Globalisierung. Die weltweite neoliberale Wirtschaftsmacht hat eine Polarisierung bewirkt, die immer größere Teile der Menschen betrifft. … Vor diesem Hintergrund globaler Entwicklungen unterscheidet sich der Politische Antirassismus dezidiert von Konzepten eines psychologisierenden, moralisierenden und individua- lisierenden Antirassismus, die das Phänomen Rassismus anhand von Einzelursachen und der Verantwortung meist sozial benachteiligter Schichten zu erklären versuchen. …“

Nur durch das Erkennen, Hinterfragen der Strukturen und dem Versuch diese zu brechen, können Gegenmodelle geschaffen werden. Freie Kulturarbeit muss hier beständig, lebendig und widerspenstig statt statisch und opportun verfahren, um Modelle gegen Rassismus, der sich immer der herrschenden, bestehenden Strukturen bedient und diese für seine Zwecke nutzbar macht, zu kreieren Die IG Kultur hat mit ihrem Papier einen wichtigen Schritt gesetzt, nicht zuletzt in Richtung der Reaktivierung der Basis, zur (Re)Politisierung der freien Kulturarbeit. Ein Punkt im Positionspapier lautet auch: „Im Zusammenhang mit der Zielsetzung zur Politisierung der Kulturarbeit werden Ansätze des politischen Antirassismus stärker an Kulturinitiativen vermittelt. Dies soll eine Sensibilisierung für Rassismus und die Betroffenen bewirken, die Veränderungen auf der Ebene der Schwerpunktsetzung, der Programmerstellung, der Definition von Zielgruppen (Minoritäten werden oft nicht als Publikum wahrgenommen) sowie der Teilnahme von diskriminierten Personen bei der Mitgestaltung in den Kulturinitiativen herbeiführen“.

Gerbasits, Geschäftsführerin der IG meint: „Im Zusammenhang mit dem Politischen Antirassismus ist es wichtig das Diskursfeld nicht den Populisten zu überlassen. Das kulturelle Feld muss hier die Arbeit der migrantischen Organisationen verstärken, indem es mit ihnen versucht den rassistischen Konsens in Medien und Alltag zu brechen“.

Das Positionspapier finden sich hier.

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