Vor einem Zaun

Teil 2 der Streetview Deluxe: Stefan Heinisch über das Ende des Tourismus.

Stellen Sie sich vor, die politischen Vertreter*innen von Hallstatt beschließen eine ‹bauliche Maßnahme›. Das Dorfzentrum wäre täglich zwischen 8 und 20 Uhr nur mit einem ‹Visitor Ticket› betretbar. Tagesgäste dürften um € 10,- pro Person die Drehkreuze an drei Haupteingängen durchschreiten. Einheimische erhielten Jahrespässe, für Freund*innen und Verwandte würden kontingentierte Freikarten zur Verfügung gestellt. Hallstatt hätte dann seinen Zaun.

Könnte dieses Szenario Realität werden? In den immer häufigeren öffentlichen Diskussionen zum Phänomen ‹Overtourism› wird Derartiges zumindest debattiert. Manch kommunale*r Verantwortungsträger*in hat diese Dystopie wohl auch schon in Betracht gezogen. Österreich gilt aber als gastfreundliches Reiseland, Hallstatt und Reservat-Atmosphäre sind (noch) undenkbar.

Angesichts der prognostizierten Zunahme internationaler Reiseströme werden Hotspots jedoch weiter unter Druck geraten, also gilt: Die Herausforderung von europäischer Dimension muss transnational betrachtet werden. Eine Allianz mit Venedig, Barcelona, Amsterdam könnte ein erster Schritt sein und hilft aus der regionalen Betrachtungsisolation. Eine Vernetzung auf Ebene der Politik, der Tourismuswirtschaft, vor allem auch mit den Bereisten und damit jener Gruppe, die die negativen Auswirkungen des ‹Overtourism› zu spüren bekommt, wäre zentral. Besser lösungsorientierte europäische Projektnetzwerke, anstatt örtlich-isolierte Jammergenossenschaften. Damit der Fremdenverkehr nicht zerstört, was er als Sehnsuchtsbild braucht, muss vor allem eines passieren: Rein mit allen Tourismusagenden in eine integrative Standort- und Regionalentwicklung und weg mit der Alleinverantwortung im Bereich Gestaltung und Verwaltung. Wenn die Branche sich nicht selbst rasch neu positioniert, muss ihr die Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Aspekten wie Bildung, Gesundheit, Klimaschutz, Baukultur, Mobilität (nicht nur die touristische!) sowie Integration und Inklusion durch neu definierte Regionalmanagementstrukturen aufgezwungen werden.

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