Nichts Neues aus Linz

Anatol Bogendorfer über nächtliche Polizeiaktionen in der Linzer Altstadt.

 

Die Linzer Altstadt kam mit ihrer relativ überschaubaren Gastronomie-Szene Anfang Juli in die Schlagzeilen, nachdem dort eine nächtliche Polizeiaktion in eine veritable Massenschlägerei ausartete. Seither bestimmt das Thema Gewalt und die Forderung nach Sicherheit in der Innenstadt erneut die Lokalpolitik und Leserbriefecken.

Von untragbaren Zuständen ist die Rede, „Gangs“ werden gesichtet, Klampfen-Hippies des Aufstandes bezichtigt, jedwede Art der Pöbelei wird zur neuen Gewaltorgie hochstili-siert und meist tauchen MigrantInnen in der Berichterstattung auf.

Die Exekutive will „…demonstrieren, dass sie wieder Herr der Lage ist“ , antwortet mit massiver Dauerpräsenz und führt die bisher größte Razzia in der Altstadt durch. Dabei werden von einer Heerschar an Polizisten in rund 15 kurzzeitig abgeriegelten Lokalen ein paar Verstöße gegen die Gewerbeordnung und das Jugendschutzgesetz, vier Anzeigen wegen Suchtmittelbesitzes und eine An-standsverletzung protokolliert. Diese Art von Verhältnismäßigkeit steht wie immer selten zur Diskussion frei.

Dass das Thema des „Linzer Gangsterproblems“ nicht nur von den lokalen Revolver-blättern als solches brutal ausgeschlachtet wird, sondern bundesweit manch Schreiberlinge anspornt, die Feder zu spitzen, verwun-dert insofern, als dass das Gewaltpotenzial von saufenden Menschen in einem Kneipenviertel kein einmaliges Linz Spezifikum sein kann, geschweige denn, dass die Rede von „Jugendbanden“ oder einer aufkeimenden „Gewaltszene“ in Linz der Realität entspricht. Ein Redakteur des Jugendsenders FM4 fiel jedoch z.B. mit folgenden Zeilen in den Kanon ein und wusste Vielschichtiges zu berichten: „Linz ist, und das weiß jeder, der sich mehr als ein paar Stunden in der dortigen Szene auf-hält (egal welcher im übrigen) ein hartes Pfla-ster, das härteste in Österreich: die Watschen fliegen tief, nach fast täglichen Schlägereien in der Innenstadt-Lokal-Meile gibt es seit einigen Monaten ein härteres Durchgreifen der Exekutive.“

Paranoia könnte nun aber auch die geplante Videoüberwachung in der Linzer Altstadt bei so manch BewohnerIn des Viertels auslösen. Bezeichnenderweise verspricht sich zwar laut Vizebürgermeisterin Dolezal nicht einmal die rote Stadtpartei davon eine Lösung, konnte aber nach Bekanntgabe dieser Observierungs-pläne durch die Polizei nur bemerken, dass die Ankündigung erfolgt sei, ohne dass die Stadt selbst vom Innenministerium konsultiert wurde.

Um was geht es wirklich? Wenn die Rechte vom „Negeraufstand“ spricht, die Besitzerin eines Esoterik-Ge-schäftes mehrmals in Tageszeitungen über Uringestank jammern darf und der Geschäfts-führer eines Lokals, das durch seine restriktive Türsteherpolitik gegenüber MigrantInnen bekannt ist, zusammenfasst: „Schlechte Wirte ziehen schlechte Gäste an“ ? Um einer bis ins letzte Detail ökonomisierten Umwelt willen stehen scheinbar auch in der Linzer Altstadt wieder „Reformen“ an, die den Imagewandel der Stadt vom dunklen Industriestandort zur repräsentativen Kultur- und somit geschäftstauglichen Stadt weiter vorantreiben sollen. Schon vor rund 20 Jahren wurde mit Hilfe eines massiven Polizeiaufge-bots und dementsprechender Medienberichterstattung damit begonnen, aus dem damaligen „Rotlichtviertel“ und „Hort der Gewalt“ ein schmuckes „Bermudadreieck“ zu formen. Übrig geblieben ist nun eine langweilige, wirtschaftlich marode Lokalszene und eine spezielle Erwähnung von Linz beim kürzlich veröffentlichten Bericht des Europarats über die steigende Polizeigewalt in Österreich. Bereits zwei Monate vor der neuerlichen Altstadt Diskussion konnte Franz Fend in der Kupf-Zeitung Nr. 111/2/05 feststellen „.…dass die Veränderung der Wirtschafts- und Sozialstruktur der Stadt auch auf einem anderen Feld von Bedeutung ist. Man könnte es unter dem Titel `Verunsicherungsdiskurs` subsumieren. Denn mit Sicherheit hat das keineswegs was zu tun. Ziel ist es vielmehr, Subjekte, die den neuen Repräsentationsbedürfnissen zuwider laufen, aus der Stadt zu verbannen. Die Mittel werden nicht zimperlich sein.“

Anatol Bogendorfer

Dieser Artikel ist auch in der aktuellen Ausgabe von malmoe erschienen.

Anatol Bogendorfer ist Musiker und Ge-schäftsführer des KV Kapu/Linz.

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