Die andere Seite des KEP

Zum Positionspapier des Offenen Forums Freie Szene Linz und dem Kulturentwicklungsplan.

von Wiltrud K. Hackl ist alleinerziehende Mutter, Kunststudentin, aber nicht Mitarbeiterin bei Time´s Up

Der Grundlagenentwurf zum Kulturentwicklungsplan: Eine Stadt auf der Suche nach ihrer kulturellen Identität. Viel Geld investiert, viele Gespräche geführt, viele Bemühungen wurden deutlich, sich schrittweise über alles, was auch nur irgendwie nach Kultur roch, einer unverwechselbaren kulturellen Identität zu nähern. Und dann las sich das dort, wo es für viele grade wichtig und spannend wurde, etwa im Kapitel Kunst- und Kulturförderung, so fern ab jeder Realität, war die Rede von freien und autonomen Gruppen, die sich, so hatte man den Eindruck, auf drei oder vier Einrichtungen beschränkten. Es reichte nicht aus, zwar ein Bekenntnis zur Förderung einer Freien Szene abzuliefern, in Förderungsvorschlägen aber möglichst vage und uneinlösbar, weil nicht konkret, zu bleiben. Neben vielen, von den Verantwortlichen ja auch selbst initiierten, Diskussionen, die dieser Grundlagenentwurf schon während seiner Entstehung und noch mehr nach seiner Veröffentlichung zur Konsequenz hatte, fanden sich diese freien autonomen Gruppen und andere Kultur- und Kunstschaffende zusammen, um konkrete Forderungen zu erarbeiten und zu formulieren. Daß als Form dafür ein „Offenes Forum Freie Szene“ gewählt wurde, machte ziemlich deutlich, daß eine vorrangige Geschichte die war, aus allen möglichen Sparten der Freien Szene Erfahrungen, die in der täglichen Praxis gewonnen werden, miteinzubeziehen. Und so fanden sich schließlich sowohl VertreterInnen bereits langjährig funktionierender Organisationen als auch freie KünstlerInnen, um gemeinsam ein Papier als dringend nötige Ergänzung des KEPs zu erarbeiten. Diese Zusammensetzung machte es möglich, ein konkretes, verbindliches und realitätsnahes Positionspapier zu schaffen, in dem (nicht nur) die Stadt Linz aufgefordert wird, mehr als nur ein Bekenntnis zu einer Freien Szene abzuliefern.

Diesem Positionspapier gingen etliche Gespräche und Diskussionen voraus, in denen einmal mehr klar wurde, wie wichtig eine Vernetzung von unabhängigen KünstlerInnen und Kulturschaffenden ist. Der nächste Schritt war, dafür zu sorgen, daß dieses Papier in einen Kulturentwicklungsplan eingebracht wurde. Das ist zum Teil geschehen, zumindest liest sich der KEP jetzt in vielen Bereichen realitätsnaher, bzw. tauchen jetzt erstmals Bereiche darin auf (wie etwa die Kapitel Für eine Symmetrie der Geschlechter und Freie Szene), auf die in der ersten Version glattweg vergessen bzw. auf die in ihrer Komplexität nicht eingegangen worden war.

Einerseits wird die öffentliche Hand dazu aufgefordert, entsprechende Produktions- und Rahmenbedingungen für die Freie Szene zu schaffen und sie vor allem nachhaltig zu fördern. Bedingungen, die einer sich wandelnden, von einem reinen Produktions- und Verwertbarkeitsanspruch von Kunst hin zu einer experimentellen, konzeptuellen und daher oft nur mittelbar verwertbaren Kunst und Kultur, Rechnung tragen. Konkret gefordert wird nun ein Impulstopf Freie Szene mit jährlich ATS 20 Millionen, gesplittet in zwei Teile mit jeweils jährlich ATS 10 Millionen: 1. Förderung innovativer Projekte und 2. Förderung freier Strukturen, dazu gehören einerseits der Aufbau von neuen Strukturen sowie die verstärkte Förderung der bestehenden Einrichtungen. Auf diesen Punkt wurde teilweise bereits im Grundlagenentwurf des KEP schon eingegangen, erstmals aber machten diese Einrichtungen deutlich, in welchem Ausmaß eine Aufstockung der bereits bestehenden Förderungen auszusehen hat, um den laufenden Betrieb zu sichern. Das Papier ist in seiner Gänze im übrigen auf http://www.servus.at/FREIE-SZENE zu lesen, und seine Lektüre sei hier jeder und jedem empfohlen. Abgesehen von dem wichtigen erreichten Ziel, Forderungen des Positionspapiers in den Kulturentwicklungsplan einzubringen, bleibt eine Forderung an unabhängige KünstlerInnen und Kulturschaffende selbst: Erst wenn konkrete Ansuchen bei der Stadt einlangen, die Mittel aus den o.a. Töpfen beanspruchen, wird der tatsächliche Bedarf daran deutlich. Eigenverantworlichkeit und Selbständigkeit und auch Mut zum Risiko sind gefragt, der Kulturentwicklungsplan „verspricht“ sogar dieses Risikokapital für innovative Kunst- und Kulturprojekte (S. 47, Individual- und Projektförderung). Und jetzt liest sich das im neuen Kulturentwicklungsplan ja schon ganz anders: „Kunst ist die Substanz von Kultur, und Kultur ist die Substanz von Politik.“ Gleich das Anfangszitat im Vorwort des neuen Kulturentwicklungsplans verrät, daß da keinesfalls auf irgend etwas oder jemand vergessen werden sollte. Es gibt einen Anfang und ein Ende, von der Kunst über die Kultur zur Politik und wieder zurück. Wie nichtssagend dieses Zitat im Hinblick auf reale Situationen von Kunst- und Kulturschaffenden auch sein mag, zeigt es doch zumindest das Bemühen, einem Kulturentwicklungsplan wenigstens in seinem Terminus gerecht werden zu wollen.

Die Stadt Linz hat sich mit der Erstellung eines Kulturentwicklungsplans ja tatsächlich als einzige Landeshauptstadt hervorgetan, die somit ein Bekenntnis dazu abgibt, sich längerfristig Gedanken darüber zu machen, was diese Stadt kulturell prägt und braucht. Andererseits sollte man dieses Bemühen keineswegs als allzu selbstlos werten, denn die Stadt tut gut daran, sich Gedanken darüber zu machen, wohin sie in den nächsten 10 bis 15 Jahren gehen kann oder besser muß, um kulturell in der mittlerweile nicht mehr allein österreichischen Konkurrenz vergleichbarer Städte überhaupt eine Rolle spielen zu können. Der nächste Schritt ergibt sich aus der Form des Kulturentwicklungsplans selbst: Hier geht es um Vorschläge, wo und wann aber wird entschieden, wer garantiert, daß diese Vorschläge auch umgesetzt werden? Teilweise liest sich der KEP ja wirklich mittlerweile sehr klug und weitsichtig wenn es da z.B. heißt: „Ziel der Förderung ist keineswegs die Vereinnahmung der freien Szene durch die städtischen Institutionen (…) sondern die langfristige Sicherung der unabhängigen künstlerischen Arbeit für das Leben in der Stadt und für die in ihr lebenden Kunst- und Kulturschaffenden.“ (S.34). Also alles das, was wir uns erträumt hatten? Sehr skeptisch, denn auf der selben Seite heißt es gleich unter dem Titel Europäische Kulturhauptstadt: „Neben dem Potential der freien Kunst- und Kulturszene, die den Wandel mit vorangetrieben hat, bestätigen vor allem auch die geplanten Neubauten an der Donau (Musiktheater, Donaumuseum) (…) den herausragenden Ruf von Linz als moderne Kulturstadt (…).“ Wie war das noch mal mit der Nicht-Vereinnahmung? Jetzt bestätigen also schon die Freie Szene gemeinsam mit weder bereits vorhandenen noch von der Freien Szene begrüßten Kulturbauten den Ruf Linz‘ als moderne Kulturstadt?

Der KEP soll als work in progress verstanden werden, so heißt es im Vorwort, und in der Tat ist auch dieser KEP noch voll von diskussionswürdigen Punkten: Wenn auf S. 55 etwa von einer kreativen Aneignung des Donauraumes durch Kunst und Kultur die Rede ist, erwartet man sich vielleicht doch etwas anderes als die jetzt aber wirklich bis zum Erbrechen oft zitierte „Kulturmeile“. In welchem Zusammenhang steht das denn mit der erwähnten Stadtteilkultur, was ist denn diese Kulturmeile anderes als eine Zentralisierung aller öffentlichen Kulturstätten? Und das arme Hafenbecken II allsommerlich mit allem, was sich unter und über Wasser an Kultur dort so bauen und versenken läßt, zu bespielen und das teilweise gleichzeitig, zeugt ebenfalls nicht von einem längerfristigen Konzept, „sich den Donauraum kreativ anzueignen“. Wenn man jetzt die bestehenden Flächen, die eine rückläufige Großindustrie hinterläßt nicht nutzt und statt dessen Löcher in einen Berg sprengt und eigentlich schon denkmalwürdige Tankstellen abreißt (statt aus ihnen großartige Cafés mit Blick auf die Donau zu machen) und das alles zeitgleich mit dem Erstellen eines KEPs, der mit Wörtern wie flexibel, experimentierfreudig, offen etc. um sich schlägt, beweist das einmal mehr, daß der KEP und die reale Kulturpolitik, die die Stadt Linz gemeinsam mit dem Land betreibt, noch elends weit auseinanderklaffen. Vor allem aber zeigt es auf, wie wenig die Stadt Linz selbst bereit ist, den Mut und die Risikobereitschaft, von denen sie im KEP spricht, für sich selbst tatsächlich auch anzuwenden. Mißtrauen ist also selbst nach der Vorlage dieses in vielen Punkten sehr begrüßenswerten KEPs angesagt. Kulturelle Identität schafft sich diese Stadt meiner Meinung nach nicht durch eine möglichst dichtgedrängte Ansammlung von neuerrichteten Hochkulturstätten, deren abendlichem Lichterglanz die Pendler und Pendlerinnen auf dem in Zukunft sechsspurig geführtem Weg nach Hause noch einen ehrfurchtsvollen Blick widmen können… Im übrigen gibt es in Linz bereits einen Aufführungsort in einem Berg, und der heißt Linzer Grottenbahn.

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