Im Glasgehege der Geschlechtergerechtigkeit

Daniela Fürst regt an, den eigenen gläsernen Boden umzugraben.

Manchmal ist es mit der schönen heilen Welt der Geschlechtergleichheit ein wenig wie im Zoo. Da geht man hin und schaut sich, meist durch Plexiglasscheiben gut von außen getrennt und geschützt, den kleinen Ausschnitt der perfekten Lebensumgebung eines Tieres an. Aber die ist nur künstlich hergestellt, oberflächlich und auf den sichtbaren Bereich beschränkt. Mit der Geschlechtergerechtigkeit in Betrieben, Institutionen und Organisationen ist es auch oft so. Das zugänglich gemachte Sichtbare und Hörbare, die Optik und Rhetorik, stimmt mit den Anforderungen an eine gleichberechtigte Struktur überein. Ist sie auch noch gut aufbereitet zur Schau gestellt, kommen selbst die Beteiligten nicht mehr auf die Idee, an der Richtigkeit dieses Bildes zu zweifeln. Die kleinen nagenden Gedanken darüber, dass es vielleicht nicht ganz so gerecht zugeht und die Eine oder der Andere eigentlich das Gleiche zu unveränderten Bedingungen macht, sprich Rollenbilder und Aufgabenverteilungen unverändert geblieben sind, werden als individuell empfunden und nicht als strukturell bedingt eingestuft . Fatal – denn alles was jenen, die den Schein erkennen und den Betrug spüren, noch bleibt, ist, die Tatsachen zu akzeptieren, sich damit zu arrangieren oder die Beschäftigung oder Position aufzugeben. So wie zuvor die patriarchalen Verhältnisse ein zementiertes Fundament waren und man mühsam und langwierig daran geklopft und gebohrt hat, ist mittlerweile auch diese oberflächliche Geschlechtergerechtigkeit ein verhärtetes Konstrukt geworden, das jeder Kritik, Reflexion und Veränderung gegenüber resistent scheint. Wie eine Hülle legt es sich schützend um das angeschlagene Fundament und baut die Gleichberechtigung als Stockwerk einfach oben drauf. Die gläsernen Wände, Boden und Decke vermitt eln Transparenz und Off enheit. Eine Durchlässigkeit, die trügt. Würden diejenigen, die sich in der glasgeschützten heilen Welt einer Institution, Organisation oder eines Betriebes befi nden, einen Blick durch den gläsernen Boden nach unten werfen, würden sie den Betrug an der Gerechtigkeit erkennen? Und, was noch viel wichtiger ist, würden sie diesen Boden aufbrechen und umgraben wollen? Vielleicht erscheint nun manchen Leserinnen das gezeichnete Bild überzogen, aber wie erklärt sich dann sonst, dass die Einkommensschere zwischen Frau und Mann fast unverändert groß ist, wichtige Entscheidungsgremien immer noch so zusammengesetzt sind, wie sie es von jeher waren und Teilzeit- wie Niedriglohnjobs hauptsächlich weiblich besetzt sind.

Von den politisch Verantwortlichen ist wohl kaum eine große Ambition zur Veränderung zu erwarten, sehen sie doch ihre bisherigen Anstrengungen – angesichts der ganzen schönen Glasgehege mit gleichberechtigten Menschen drinnen – als erfolgreich. Also sind es genau diese Menschen die tätig werden müssen. Und wer, wenn nicht sie, haben das notwendige Wissen, geeignete und wirkungsvolle Werkzeuge zu entwickeln?

Und nochmal zurück zu den Tieren im Zoo: Auch denen kann man nur wünschen, dass sie den Betrug nicht erkennen, denn welche Möglichkeiten haben diese, etwas zu ändern?

 

Ausschreibung zum KUPF Innovationstopf 2012

Die Einreichfrist endet am 19. März 2012!!!

 

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