Enger, weniger, sicher

Eine KünstlerInnensozialversicherung für das 19. Jahrhundert

“Die Titulierung “Künstler” ist eine Beleidigung”
George Grosz/John Heartfield, 1919/20

von Gerald Raunig

Es scheint, als hätte die alte Pointe der Dadaisten am Ende des Jahrhunderts zum ersten Mal wirklich breite Bedeutung bekommen. Sich KünstlerIn zu nennen, ist nämlich derzeit gar nicht hip. Zwei auseinanderstrebende Bewegungen schwindeln sich ganz entschieden am bedeutungsschwangeren Klang des Wortes “Künstler” vorbei: Einerseits nimmt die Genauigkeit und Ausdifferenzierung der Beschreibung des jeweiligen Treibens als InterventionistIn, LuftgitarristIn, RadiofeaturemacherIn, LightdesignerIn, DJ, NetztechnikerIn, BodyperformerIn BiosignalmusikerIn, etc. rasant zu; andererseits ist eine zunehmende Diffusion dessen, was unter Kunst verstanden wird, wahrzunehmen, wenn wissenschaftliche Methoden, soziale Kontexte oder politische Themen von den jeweiligen Kunstpraxen aufgesogen werden. Wenn im ersten Fall auch noch dazu ein beachtlicher Trend zum Sprunghaften zwischen diesen Subgenres zu erkennen ist (die Rockenschaubs, die von der bildenden Kunst zur Clubculture hüpfen, und zwar als DJ und Veranstalter; die Megos, die vom Undergroundgitarristen zum Elektronikbastler und Eventmanager mutieren; die TänzerInnen, die sich oder ihre Umwelt zu verkabeln beginnen), dann liegt es für beide Stränge, die sich dem Begriff Künstler widersetzen, nahe, als Substitut den “cultural worker” in Anschlag zu bringen. Das Spiel heißt “shifting the edge”, sein höchstes Ziel ist, die Grenzen des Kunstfelds in der Überwindung zu verschieben. “Der Künstler jenseits der Künste, der Künstler als Generalist hätte Kompetenzen als Künstler, Kurator und Kritiker bzw. als Autor, Herausgeber und Publizist, ebenso wie Kompetenzen ÔkommerziellerÕ Berufe wie Projektmanager, Artdirector, Provider, Grafikdesigner, Werbe- und Techniktexter, Ghostwriter, Redakteur, Moderator usw. Er würde sich soweit zum Techniker befähigt sehen, wie technische Kenntnisse für ihn notwendig sind, um in einer Produktion mit Technikern zu kommunizieren. Und er müßte in der Lage sein, den vielfältigen, in ihrer Komplexität nicht voraussehbaren Erwartungen, Aufgaben, Zuteilungen einer so rasch sich verändernden Welt gerecht zu werden.” Neben Walter Gronds emphatischer Beschreibung kennen Herr und Frau cultural worker allerdings auch die Schattenseiten ihrer ganzheitlich flexibilisierten Existenz: Sie sind zur Hyperselbstausbeutung neigende, zu “Nebenberufen” gedrängte, in für sie selbst angenehmeren Fällen vom Kapital ihrer Familie lebende Menschen und/oder “Entrepeneurs”, die zurückfallen in die Lage des Künstler-Unternehmers vor der Autonomisierung der Kunst, Kunstschaffende, die mit dem Hauptaspekt der Kundenorientierung auf Auftrag ihrer GeldgeberInnen produzieren. Neben dieser Perspektive, die Experimente an der künstlerischen “Existenzweise” – je nach Ausmaß des Defaitismus – als Avantgarde oder als hinterherhinkende Spätfolge der Ausbeutungsmechanismen des postfordistischen Kapitalismus zu interpretieren, gibt es jedoch auch positive Konnotationen zu Flexibilität ff.: Verkleinbürgerlichung und Unterordnung unter Verwertungszusammenhänge sind nur die eine Seite der Medaille, auf der anderen steht ein selbstbestimmter Umgang in alternativen Mikroökonomien, der sich in je verschiedener Form in den Bewegungen der Soziokultur ab den 70ern, in Punk- und autonomen Szenen der 80er und für eine gewisse Zeit auch in Ansätzen von Clubculture und Techno der 90er erkennen ließ. Mit der Entwicklung dieser Felder, in denen der Subjekttypus des cultural worker entstand, korreliert auch eine Explosion derer, die im Kunstfeld arbeiten oder arbeiten wollen, nicht zuletzt auch hervorgerufen von einem Amalgam aus der weiterhin vorhandenen Anziehungskraft des alten Geniekünstlerbilds und der durch MTV generierten Starträume für immer neue Generationen x, @, omega. Vor diesen schlängelnden Metamorphosen des Künstlerbilds sitzen nun die Kaninchen des öffentlichen Lebens: völlig antiquierte Kunst-Ausbildungsstätten mit Curricula und Ideologien aus dem 19. Jahrhundert (nagut, Hundertwasser ist in Pension…); eine groteske Konfusion der meisten Medien, besonders der Feuilletons, die zwischen Relaunch als Dauerzustand, Aufgehen in den Redaktionen für Modernes Leben und gelähmtem Dahindämmern schwanken; und als Basis des Ganzen das völlige Fehlen einer Anpassung der rechtlichen Situation an die neuen Formen von Kunstproduktion. Wenigstens letzteres Thema sei hier schlaglichtartig fokussiert: Die rechtliche Situation der betroffenen Subjekte ist einigermaßen in process, klarer formuliert: im argen, und wird wohl am deutlichsten am österreichischen Umgang mit dem Dauerbrenner dieses Felds: Die Sozialversicherung für KünstlerInnen ist ein komplexes Gebiet, das fundierte rechtliche Kenntnisse, genaues Wissen über die verschiedenen Voraussetzungen aktueller Kunstproduktion und darüber hinaus ein Verständnis des kulturellen Felds als Gesamtes bedarf. Wie im allgemeinen davon auszugehen ist, daß niemand von den seit einigen Jahren damit Befaßten diesen Voraussetzungen halbwegs optimal entspricht/entsprechen kann, muß auch ich mich hier auf einen schematisch-polemischen Blick ins Land der büro- bis technokratischen Strategien von Minsterialräten und SozialpolitikerInnen beschränken. Wie wird also in Österreich eine Sozialversicherung für KünstlerInnen realisiert? Auf der ersten Stufe beginntÕs sehr plump mit dem klassischen Untergriff. Sektionschefs zerbrechen sich plötzlich den Kopf darüber, was ihre SekretärInnen zu einer unterstellten sozialrechtlichen Bevorzugung von KünstlerInnen sagen würden, parlamentarische Kultursprecher, nein, nicht die sozialdemokratischen, üben den Klassenkampf und evozieren die sprichwörtlich gewordene Billaverkäuferin. Die zweite Stufe (ungefähr ein halbes Jahr und viele Sitzungen später) ist die der Vereinnahmung/Verbrüderung: Natürlich sind alle auf der Seite der Kunst. Aber was soll schon gegen die Übermacht unternommen werden, die da eigentlich die Finanzierung des aufzubringenden “Arbeitgeberanteils” von ca. öS 500 Mill. für ca. 10.000 Versicherte gewährleisten soll: gegen den mächtigen Finanzminister (lehnt Zahlungen ab), die mächtigen Verwertungsgesellschaften (lehnen Zahlungen ab), die mächtigen Rundfunkmonopolisten (lehnen Zahlungen präventiv ab), die mächtigen kulturindustriellen Konzerne (lehnen Zahlungen nicht einmal ab)? Aber vielleicht könnten da die KünstlerInnen einmal selbst…? Die dritte Stufe heißt Denkpause und ist durch Wahlkampf und neue Regierungsbildung bedingt. Die Galgenfrist wird um ein Jahr bis 1.1.2001 verlängert, möglicherweise ziehen ja auf allen Seiten neue Menschen in die Verhandlung. Alles muß gut werden. Kulturnation!!! Soweit die Fortschritte in den Verhandlungen um die KünstlerInnensozialversicherung, die seit Herbst 1998 intensiv geführt werden. Es kommt allerdings noch schlimmer: Selbst wenn ein Ergebnis dieser Verhandlungen nach zweieinhalb, drei oder fünf Jahren vorliegen wird, ist es schon jetzt weit hinter der oben beschriebenen Veränderung des Künstlerbegriffs zurück. Denn sogar die Gesetzesvorlage der KünstlerInnenverbände bestimmt den Begriff entlang der obsoleten und tausendmal überschrittenen/verschobenen Grenzen der Sparten wie der Interessenvertretungen: KünstlerIn ist nämlich bloß, “wer Musik, Literatur, Filmkunst, darstellende oder bildende Kunst schafft, ausübt oder lehrt…” So isses übrigens schon derzeit, nur willkürlicher, oder auf österreichisch besser: historisch gewachsen: In den einzelnen Sparten verschieden strukturierte, unter- und auch verschieden dotierte Töpfe zur Bezuschussung der Subjekte fungieren als rettende Anker vor weiterer Subproletarisierung, aber zugleich auch als obrigkeitsstaatliche Instrumente, den Künstlerbegriff durch niedrig gehaltene Subventionen staatlich gesteuert eng zu halten. Versicherung auf österreichisch heißt: Enger Künstlerbegriff, weniger KünstlerInnen, sicheres Österreich.

Materialien zur KünstlerInnensozialversicherung können im Büro der IG Kultur Österreich angefordert werden.

Literatur:

  • Walter GROND, Populismus, Menasse, Kritik und wozu überhaupt Künstler?, in: Gerald RAUNIG (Hg.), Kunsteingriffe. Möglichkeiten politischer Kulturarbeit, IG Kultur Österreich: Wien 1998, S. 182-191
  • George GROSZ, John HEARTFIELD, Der Kunstlump, in: DADA total, Reclam: Stuttgart 1994, S. 140-143
  • Heidi GRUNDMANN, Cultural worker – who are you?, in: Kultur als Kompetenz, Österreichische Kulturdokumentation: Wien 1999, S. 33-35
  • Gerald RAUNIG, Charon. Eine Ästhetik der Grenzüberschreitung, Passagen Kunst: Wien 1999
Produkt zum Warenkorb hinzugefügt!
0 Artikel - 0,00