Bitte keine Kanten

Europäischer Kulturmonat Linz – Bitte keine Kanten

 

von Martin Lengauer

Einen September lang durfte sich Linz mit dem EU-Prädikat „Europäische Kulturmonatsstadt“ schmücken. Die heimische Kunst- und Kulturszene war von den Stadtvätern eingeladen, das Thema „Job, Net, Gen, Fun“ in Projekten zu bearbeiten. Ein glatter Erfolg, meinen die Linzer Kulturpolitiker. „Themenverfehlung“, höhnen die Kritiker. Die KUPF wollte es genauer wissen und lud zu einem Streitgespräch ins Studio von Radio FRO. Mit Martin Lengauer und Martin Wassermair diskutierten Christian Denkmair, Organisationsverantwortlicher im Linzer Kulturamt, und Gunther Trübswasser, Kultursprecher und Landtagsabgeordneter der Grünen Oberösterreichs.

KUPF: Gunther Trübswasser, du hast im Vorfeld des Europäischen Kulturmonats in Linz dessen Event-Lastigkeit kritisiert. Hat dich der bisherige Verlauf der Veranstaltung in deiner Kritik bestätigt?

Trübswasser: Die Event-Lastigkeit der Linzer Kulturpolitik wurde am Kulturmonat besonders deutlich sichtbar. Sie geht nicht nur in Richtung Events, sondern in Richtung Großevents. Events, die sich in Quoten niederschlagen, Events, die Schlagzeilen machen. In Linz fehlt es an einer strategischen Kulturpolitik. Stattdessen haben wir es mit einer Kulturverwaltung zu tun, die hin- und hergerissen ist zwischen Management und Kulturpolitik. Die Kulturverwaltung macht Kultur für Linz. Ich glaube, sie sollte vielmehr Kultur mit Linz machen.

Denkmaier: Man kann darüber streiten, ob die Kulturarbeit in Linz bisweilen zu Event-lastig ist, aber sicher nicht das Programm des Europäischen Kulturmonats. Er wurde von der Kulturverwaltung nicht gestaltet, sondern lediglich ermöglicht. Seitens der Kulturverwaltung gab es keinerlei Projektvorgaben hinsichtlich Besucherquoten oder Einnahmen. Nur die inhaltliche Leitlinie „Job, Net, Gen, Fun“ war zu beachten. Die Künslergruppen haben ihre Projekte völlig autonom realisiert. Das kulturpolitische Prinzip in Linz ist das Prinzip des Ermöglichens. In einer Stadt, wo bürgerliche Hochkultur gang und gäbe ist, wäre das Programm des Kulturmonats überhaupt nicht angenommen worden.

KUPF: Die Kulturverwaltung gestaltet nicht, sie ermöglicht nur? Ist nicht allein das Zustandekommen des Programms ein gestalterischer Vorgriff der Kulturverwaltung? Es gab keine offizielle Ausschreibung, sondern eine beratende Jury hat – was durchaus löblich ist – die lokale Szene um Beiträge zum Kulturmonat ersucht. Hatten „neue“ Leute, „neue“ Initiativen überhaupt die Chance, Projekte einzureichen?

Denkmaier: Zwar gab es Auftragswerke für einige Gruppierungen der „Freien Szene“, für wichtige Kunst- und Kulturgruppen in der Stadt. Zudem lancierten wir aber eine Art öffentlicher Ausschreibung via Medien, via Internet. Von den 60 derart eingelangten Projekten empfahl die Jury acht oder neun zur Umsetzung. Auch sie unterlagen keinerlei Einschränkungen. Wenn man der Kulturpolitik und -verwaltung einen Vorwurf machen kann, dann den, daß mit der Themenstellung „Job, Net, Gen, Fun“ anderes unmöglich geworden ist. Und zu diesem Vorwurf stehen wir, denn es galt, ein Programm der Beliebigkeit zu verhindern. Und es war wichtig, nicht den üblichen Lobbies nachzugeben. Wo es dann heißt, ein Projekt muß der Literatur, ein Projekt der Oper, der Kinderkultur, der Frauenkultur gewidmet sein. Uns ging es aber nicht um Lobbies, sondern um inhaltliche Zugänge.

Trübswasser: Also, daß Theater und Literatur des Lobbyings bedürften, das finde ich schon eine sehr fragwürdige Bemerkung. Aber reden wir davon, was alles im Kulturmonat nicht stattgefunden hat. Reden wir von der Literatur, reden wir vom Jazz, reden wir von den Minderheiten-Kulturen, die diese Stadt bereichern. Findet alles nicht statt. Wenn dieser Kulturmonat ein repräsentatives Schaufenster sein sollte, so wurde sehr viel vergessen. Hier trägt die Kulturpolitik die Verantwortung.

Denkmaier: Selbstverständlich gibt es im Kunst- und Kulturbetrieb Lobbying in jede Richtung. Selbst unsere eigenen städtischen Kulturstätten – ob der Posthof oder weiß ich wer – sind gekommen und haben gefragt, warum kriegen wir keine Zusatzdotationen, damit wir auch einen Beitrag zum Kulturmonat bringen können? Zur Frage der Programmgestaltung: Selbstverständlich ist der Kulturmonat nicht repräsentativ für das Kunst- und Kulturgeschehen in dieser Stadt. Wollte er auch nie sein. Kann er auch nicht sein, bei einem Sonderbudget, das abzüglich aller Verwaltungskosten bei 20-22 Millionen Schilling liegt. Aber genau das war ja der Schwachpunkt aller Kulturmonatsstädte der vergangenen Jahre. Daß man versucht hat, Programme zu erstellen nach dem Motto: Wir machen es jedem recht. Die Qualität blieb dann hinter den üblichen Alltagsleistungen der einzelnen Einrichtungen zurück.

Trübswasser: Hier zeigt sich eine gewisse Selbstüberschätzung seitens der Kulturpolitik und des Kulturamts der Stadt Linz. Ein Beispiel: Der Canto General von Mikis Theodorakis war mit Sicherheit keine Uraufführung, als die sie dargestellt wurde.

Denkmaier: Im Programm steht „Uraufführung als Orchesterfassung“. Das war sie. Wir sind doch keine Deppen und propagieren eine Uraufführung, wo jeder Mensch weiß, daß der Canto General seit 20 Jahren in aller Welt aufgeführt wird.

Trübswasser: Ich glaube, daß man die europaweite Relevanz des Kulturmonats zu sehr im Auge gehabt hat und auf die Wirkung nach innen vergessen hat. Man hätte sich fragen müssen, gibt es in Linz relevante Kunstbereiche, die weiterzuentwickeln sind. Da gehört die Literatur auf jeden Fall dazu. Die braucht nicht erst per Lobbying wichtig gemacht zu werden. Da gehört für mich in jedem Fall ein Musikzweig dazu. Linz hat es leider in den letzten Jahren geschafft, von einer „capitol“ des Jazz herunterzukommen auf einen Ableger von Ulrichsberg.

Denkmaier: Ich gehöre selbst zu den Lobbyisten für Literatur und Jazz. Weil ich glaube, daß diese Sparten ganz ganz relevant und wichtig sind. Und ich bin froh, daß es rund um Linz Einrichtungen gibt wie das Jazzatelier Ulrichsberg. Aber nur weil dort eine Pflanze gut gedeiht, braucht Linz nicht aus lauter Großmächtigkeit eine doppelt so große Pflanze für sich beanspruchen.

KUPF: Kommen wir zum Thema des Kulturmonats, „Job, Net, Gen, Fun“. „Job“ steht für die Krise der Arbeitsgesellschaft, „Net“ für Informationsgesellschaft, „Gen“ für die Problematik der technologischen Entwicklung, speziell der Gentechnologie. „Fun“ weist auf unsere Freizeit- und Unterhaltungsindustrie hin. Alle zusammen stellen zentrale Aspekte der gegenwärtigen gesellschaftlichen Krisensituation zur Debatte. Der Kulturmonat hat sich zum Ziel gesetzt, via Kunst und Kultur diese Debatte aufzunehmen. Wird er seinem Anspruch gerecht? Bietet er den Menschen, wenn er sie überhaupt erreicht, wirklich Perspektiven, sich mit den gestellten Themen auseinanderzusetzen?

Denkmaier: Wir haben an die Projektbetreiber und -betreiberinnen appelliert, sich aus der Sichtweise von Kunst und Kultur mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Wie weit diese Projekte dann gesellschaftspolitische Perspektiven entwickeln wollten, liegt eigentlich nur marginal in unserem Einflußbereich. Bei zwei, drei Projekten ist es natürlich sehr konkret, z. B. beim Projekt der „Wochenklausur“ (siehe Artikel Seite 26).

KUPF: Aber für die Gesamtkonzeption des Kulturmonats tragen Kulturpolitik und -verwaltung sehr wohl die Verantwortung. Zwar erfüllen viele Projekte für sich genommen durchaus internationale künstlerische Kriterien. In Summe – und gemessen an der Brisanz des Themas – sind sie bestenfalls imageträchtiger Zuckerguß für die Stadt Linz. Sieht man von der „Wochenklausur“ und der „Hybrid Factory“ ab, detoniert der thematische Sprengstoff nicht.

Denkmaier: Zum imageträchtigen Zuckerguß: In keinem Ausschreibungskriterium ist die Anzahl der Zuckerwürfel festgeschrieben, die ein Projekt zu erbringen hätte. Die Frage, ob und in welcher Form einzelne Projekte bissig sind, ob sie den politischen Machthabern auf die Finger klopfen oder ähnliches mehr, konnte und wollte die Kulturverwaltung weder stellen noch beantworten. Sie ist an die einzelnen Projekte zu richten. Einige haben ja in eigenen Publikationen, in Zeitungen oder sonstwas, kulturpolitische Tendenzen in der Stadt zum Thema gehabt.

KUPF: Nochmals: Uns geht es hier weniger um einzelne Projekte, sondern um die Gesamtkonzeption des Kulturmonats. Wenn man sich den schicken Programmkatalog ansieht, stolpert man über zahlreiche Vor- und Geleitworte, die die Relevanz des Themas massiv herausstreichen. Und gemessen an diesem Anspruch bleibt das Gesamtprogramm unter den Erwartungen. Das Thema brennt unter den Nägeln, nicht aber der Kulturmonat.

Denkmaier: Ich glaube, das hängt maßgeblich damit zusammen, daß es ja kein politisches Programm war, im Sinne von Tagespolitik, sondern daß es eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema war.

Trübswasser: Wie sehr man das Thema „Job, Net, Gen, Fun“ verfehlt hat, zeigt mir das geplante Abschlußfest des Kulturmonats. Da versucht man einen Abend der Beliebigkeit – Fußball mit Ballett integriert …

Denkmaier: … das ist aber Fun.

Trübswasser: Das ist mir zuviel Fun.

Denkmaier: Na entschuldige. Jetzt haben wir 30 Projekte. Von denen sind drei für den Breitengeschmack gedacht. Das ist jetzt positiv gemeint. Einen Kurt Ostbahn zu hören, oder den FC Landestheater gegen den LASK spielen zu sehen …

Trübswasser: … aber all jenen gegenüber, die etwas Ernstes machen, ist es unfair. Den Musikern aus Polen, die Musik der Roma spielen und …

Denkmaier: … schön, daß du dem Intendanten des Linzer Landestheater ausrichten willst, wie das Programm auszusehen hätte …

Trübswasser: … also jede Form von Kritik wird als Majestätsbeleidigung angesehen.

Denkmaier: Mitnichten. Ich nehme aber nicht zur Kenntnis, daß man uns für eine Programmgestaltung, die von bestimmten Gruppen autonom geleistet wurde, verantwortlich macht. Vorher beschwert man sich, daß wir uns zuviel einmischen. Und jetzt gibt es z. B. ein Programm, das der Intendant des Landestheaters programmiert hat, da muß sich der Denkmaier anhören, daß die kritischen oder sonstwas Künstler in diesem Programm untergehen. Das verstehe ich nicht.

Trübswasser: Ein Gérard Mortier muß sich auch anhören, was ein Peter Stein macht.

Denkmaier: Aber ich bin eben nicht der Mortier. Das Kulturamt hat keinen künstlerischen Intendanten, der bei jedem einzelnen Projekt schaut, daß die inhaltlichen Leitlinien auch wirklich eingehalten werden. Mein Resummée des Kulturmonats ist trotzdem eindeutig. Er hat gezeigt, daß die Stadt Linz eine Kulturszene hat, die sich stolz und erhobenen Hauptes präsentieren kann. Sie hält dem europäischen Vergleich stand und hat in vielen Belangen sogar eine Vorreiterrolle.

KUPF: In deiner Lobeshymne ist etwas unter den Tisch gefallen: das Mißverhältnis zwischen der Brisanz des Themas und dem Gesamtprogramm. Was normalerweise manche Projekte der Freien Szene auszeichnet – Unkonventionalität, Bissigkeit, Provokanz etc. – scheint auf der Strecke geblieben zu sein. Sind diese Kanten nicht von vorneherein durch die städtische Eingemeindung abgeschliffen worden?

Denkmaier: Wir haben bestimmt nicht gesagt: bitte keine Kanten. Im Gegenteil. Jede Gruppe hat – bei Einhaltung der formalen Kriterien – tun und lassen können, was sie gewollt hat. Den Unterton, die Freie Szene sei hier ein bißchen auf brav „gemanagt“ worden, weise ich zurück. Vielleicht hat sich aufgrund der aktuellen Situation im Selbstverständnis der Mitwirkenden eine andere Schwerpunktsetzung ergeben. Vielleicht ist es momentan nicht wesentlich, in der Konfrontation den Fortschritt zu suchen. Das kann ja in zwei oder drei Jahren wieder anders sein.

KUPF: Danke für das Gespräch.

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