Arbeit statt Almosen

Corinna Antelmann über eine vermeintliche Alternative zu Ohnmacht und Förderdschungel.

Wie vielen Menschen bescherte der Lockdown auch den Autorinnen einen Moment der Schockstarre, der Ohnmacht. Autorinnen leben hierzulande größtenteils von Lesungen, da der Buchverkauf allein kaum eine finanziert: Nur 7–10 Prozent des Verkaufspreises gehen an die Autorin. Die Situation der Literaturschaffenden ist nicht neu, aber jede Krise dient als Lupe, um einen vergrößerten Blick auf die Strukturen zu werfen, in denen wir leben, und um Ungleichgewichte in den Fokus zu rücken. 

Um der Ohnmacht etwas entgegenzusetzen und dem Förderdschungel zu entrinnen, in dem die Kultur letztrangig behandelt wird (offenbar in Missachtung ihrer Systemrelevanz), riefen Marlen Schachinger und Robert Gampus deshalb einen solidarischen Zusammenschluss ins Leben: Sie gewannen 19 Autorinnen, sich literarisch mit der Zeit ‚Danach‘ auseinanderzusetzen, der Zeit nach der Krise, mit der explizit nicht COVID-19 gemeint ist, sondern jedwede Krise wirtschaftlicher, persönlicher, politischer Natur. Sie starteten das Crowdfunding Arbeit statt Almosen mit dem Ziel, anschließend eine Anthologie vorlegen zu können.

Dass die Texte ausschließlich von Frauen verfasst werden, darf als weiteres Resultat des Lupenblicks gelten: Literatinnen werden, vor allem im Bereich der sogenannten ernsten Literatur und in den systemrelevanten (?) Verlagen, noch immer weniger verlegt und ihre Werke nach dem Erscheinen weniger besprochen als die der Kollegen. Könnte es sein, dass ihre Geschichten, ihr Zugang, ihre Sprache, nicht den Strukturen und den Beurteilungskriterien entsprechen, die wir unhinterfragt als allgemeingültig gelten lassen? 

Eine Krise verändert unweigerlich, verändert auch Strategien: Sie animiert zum Beispiel, die Sprachlosigkeit zu überwinden, auch wenn die Furcht vor ihr bestehen bleibt, solange sich die (Erzähl-)Strukturen nicht grundsätzlich ändern. Dazu gehört möglicherweise auch die wortlose Bereitschaft, sich die zusätzliche Arbeit anzutun, die ein Crowdfunding mit sich bringt – neben der eigentlichen Arbeit und der Doppelbelastung mit Kindern im Homeschooling, die, ebenso wortlos, zum größten Teil zusätzlich an Frauen delegiert wird. Also zeigt sich in dem Bemühen, selbst Geld für die eigene Arbeit aufzutreiben, möglicherweise ein weiteres strukturelles Problem – Achtung Lupe! – einer Gesellschaft, die sich ohnehin vielfach auf un(oder unter-)bezahlte Leistungen von Frauen stützt?

Einen Beitrag leisten? – Ja, das wollen wir. Arbeiten? – Unbedingt! Eigenverantwortlich sein? – Auf jeden Fall! – Den Staat aus seiner Verantwortung nehmen, für Arbeit mehr zu bekommen als Almosen? – Die Antwort möge jede selbst formulieren.

Es überwiegt die Überzeugung, dass es jede*n Einzelne*n braucht, um eine Gesellschaft zu sein. Ebenso wie eine diverse Sprache und den individuell geprägten Blick auf die Welt. Es überwiegt der Glaube an die Systemrelevanz der Literatur – auch und gerade in Zeiten von Krisen: um ihnen zu entfliehen, sie zu betrachten, sie zu überwinden. Um zu verstehen, wie sich Menschen verhalten, wenn sie in Krisen geraten oder sie vermeiden. Denn ein Buch zur richtigen Zeit am richtigen Ort kann Impulse geben, die nicht allein dem eigenen Leben eine neue Richtung geben. 

Im Oktober 2020 wird die Anthologie des Crowdfunding-Projekts unter dem Titel Fragmente — Die Zeit danach erscheinen. Vorbestellungen auf → ink-noe.net
Die filmische Dokumentation zum Projekt hat am 11.10. im Programmkino Wels Premiere.

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