Ohne Alkohol durch die Kulturarbeit—geht das denn?

Bogdan Baric zum unberechenbaren Schauspiel mit Alkohol.

Das alles macht natürlich Sinn, erscheint paradoxerweise aber oft sinnfrei, hat jedoch mehrere Seiten, zumindest deren zwo.

Rund um den Globus sind Menschen dem Alkohol zugetan. Eine Substanz, mit der sich zwar schon ganze Völker demoralisiert haben, aber das ist sozial. Alkohol hat eine latente, wie expressionistische Funktion als Totem-Getränk: Erst durch den Genuss entsteht Zugehörigkeit zu einer Gruppe – aber man kann dabei stolpern. Die Bohème verstand die grüne Fee Absinth als Inbegriff eines anti-bürgerlichen Lebensstils. Charles Bukowski und Dorothy Parker. Versoffene Dichterinnen und Klischees über exaltierte Künstlerinnen. Vielen Berufsgruppen lastet man zu Unrecht, aber ohne mit der Wimper zu zucken, eine Sippenhaftung in Sachen Alkoholaffinität an: Künstlerinnen,  Maurerinnen, Pilotinnen, Briefträgerinnen, der Ärztinnenschaft, durch die Bank Politikerinnen und Gastronominnen sowieso. Doch zweifellos ist Alkohol in all seinen Variationen ein Kulturgut. Und in der Kulturarbeit? Wo Kultur ist, wartet der Alkohol schon. Ein Pro und Contra zum unberechenbaren Schauspiel mit Alkohol auf der Bühne des Lebens.

Das Pro.

Früher waren die Verhältnisse andere: Als Wandler zwischen geistiger und irdende Essenz galt der Alkohol in alten Zeiten. Im 20. Jahrhundert erlangten Mickey Rourke und Faye Dunaway in Barfly Kultstatus; sie waren dem Alkohol verfallen, aber mit Würde. Für Ameisen-Buñuel war Alkohol eine Königin. Ob die Dinge heute langsam von ihrem Wesen verlieren? »Wir haben Bier ohne Alkohol,Fleisch ohne Fett, Kaffee ohne Koffein und sogarvirtuellen Sex ohne Sex«, sagt Žižek. Dieser Trend ist radikal anästhetisch. Der Härte solcher degenerierter Lebenswelten sollte man seelenruhig den Exzess und das Delirium entgegenhalten. Und zwar als einen politischen Akt. Die Chance oder Rettung einer solchen halsbrecherischen Aktion liegt freilich in einer gewissen Kultiviertheit. Dass man die 27 oder 37 annehmend übersteht, um dann moderat weiterzutun. Warum nicht Totem-Getränke trinken und fallen? Die Nacht durchmachen und am Tag im Koma liegen. Warum nicht saufen und kopulieren? Der Rausch ist ein dunkler Ort. Dein Abgrund. Dort tut sich der Wahnsinn auf, der sich unter der polierten Oberfläche der Gesellschaft verkrochen hat und nur darauf wartet, entfesselt zu werden. Der Mensch und Alkohol, das ist sicher eine Grenzgängergeschichte. Eine Flucht? Was weiss man schon. Im Fernsehen zeigen sie jetzt viel Anti-Blähbauch-Werbung.

Das Contra.

Sucht und durchwachsene Abhängigkeit ist etwas, das einen anspringt und quält, wann immer es sein muss. Vielleicht macht der enge Tanz mit Alkohol ihn zur bald wichtigsten Partnerin in jemandes Leben; ein flüssig-bitteres Alter ego. Mit dem grossen Vereinfacher spielen und sich verrechnen. Im Medizin-Jargon heisst es lapidar It (Alcoholabuse) provokes desire, but it takes the performance.Frei übersetzt: Rausch ist der Libido (und dem zarten Liebesspiel) überhaupt nicht

zuträglich. Meine weise Freundin sagt: »Ich mache grundsätzlich keine Liebe mit betrunkenen Männern.« Alkoholisierte Menschenverstören, stören, sie sind peinlich und verbreitenim Wahn aggressive Stimmung. Anti-Heldinnen, um die man sich ständig kümmernmuss. Das sind wohl gute Gründe fürAlkohol-abstinenz. Eine Erklärung liefert eineehem. Kirchenwürdenträgerin aus Deutschland;die gläubige Frau hat es vor ihrem Über-Ich folgendermaßen formuliert: »Ich verzichte auf Alkohol. […] ich merke auf einmal, wie sehr ein Glas Wein am Abend zur Gewohnheit werden kann. Aber ich will das Fasten auch nicht zum Gesetz machen. Die alten Mönche hatten da wunderbare Ausnahmen, etwa den Sonntag und Zeiten auf Reisen.« (Margot K. hat denFührerschein nach »einer Reise« der Polizeiübergeben). Knapp fällt der Anthropologeund Peyote-Forscher Carlos Castaneda seinUrteil über Alkohol: »Der Alkohol-Rausch ist billig. Ein Verschwender des Lebens.« Keinehöheren, geistigen Instanzen, keine Astralkörper,keine Erleuchtung. Aber Anti-Alkohol-Ideologien aller Colours. Selbst straight-edge-Punks wissen es besser:

 

I’m a person just like you

But I’ve got better things to do

Than sit around and fuck my head

Hang out with the living dead

 

Auf der zweiten Single wird Minor Threat dann explizit:

Don’t smoke

Don’t drink

Don’t fuck

At least I can fucking think

 

 Bogdan-straight edge-Baric lebt und arbeitet als Übersetzer in Ljubljana und Wien.

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