Das Füllhorn der Kulturhauptstadt

Kulturhauptstädte sind eine großartige Sache. Da gibt es ganz viel Geld für Kunst und Kultur und kaum Auflagen, was damit zu geschehen hat. So wird vieles ermöglicht, was normalerweise am Geldmangel scheitert. Kulturhauptstädte sind ein völliger Unsinn. Da gibt es ganz viel Geld für Kunst und Kultur und kaum Auflagen, was damit zu geschehen hat. So wird vieles realisiert, was noch nie irgendjemand brauchte.

Kulturhauptstädte funktionieren jedenfalls nach schwer durchschaubaren Regeln. Sie werden von den EU-Mitgliedsstaaten vorgeschlagen, von der Europäischen Kommission bestimmt, von der Europäischen Kommission (in geringem Maße) und von nationalen, regionalen und kommunalen FördergeberInnen (in sehr unterschiedlichem Maße) finanziert und nur in Einzelfällen und ohne vorgegebene Kriterien evaluiert. (Letzteres soll sich im Jahr 2005 ändern; ab dann ist eine Evaluierung durch die Europäische Kommission vorgesehen.)

Jedenfalls gibt es ziemlich viel Geld – im Fall von Graz 2003 etwa knapp 52 Millionen Euro, von denen je 18,17 Millionen von der Stadt Graz und dem Land Steiermark kommen, 14,53 Millionen vom Bund und 1 Million von der Europäischen Kommission. Und mit diesem Geld kann die Stadt dann tun, was sie will. Bloß: Wer ist die Stadt? Im Regelfall die gewählten RepräsentantInnen der Stadt, sprich die PolitikerInnen. Und: Was will die Stadt? Im Regelfall, zumindest was Kulturhauptstädte angeht: 1. den Geldsegen nützen, um strukturelle Probleme zu lösen, zumeist durch Stadterneuerungsmaßnahmen (Revitalisierung von Industrievierteln in Glasgow, Restaurierung der Altstadt von Porto, Bahnhofumgestaltung in Graz); 2. Prestigeprojekte finanzieren, die attraktive Repräsentationsflächen für PolitikerInnen schaffen – in Graz etwa die Murinsel von Acconci.

Und die lokale Kunstszene? Die wird behandelt wie immer – es werden sehr viel mehr Worte als Taten um sie gemacht, sie kommt also sehr viel öfter in PolitikerInnenreden vor als in Budgetvoranschlägen und erhält einen Bruchteil des Gesamtbudgets. Steigt das Gesamtbudget, so steigt üblicherweise auch dieser Bruchteil. Steigt das Gesamtbudget erheblich, … Daraus folgt: Kulturhauptstädte sind gut für die lokale Szene, denn sie bekommt mehr Geld. Doch alles hat bekanntlich seinen Preis. Die lokale Kulturszene zahlt für die höheren Budgets im Kulturhauptstadtjahr doppelt: 1. durch Verlust an Aufmerksamkeit während der Zeit der Kulturhauptstadt, da viele ihrer Aktivitäten neben den aufwendig beworbenen Großevents untergehen werden; 2. mit finanziellen Einbußen in den Jahren danach. Denn das viele Geld für die Kulturhauptstadt fällt ja nicht vom Himmel und auch nur zu einem sehr geringen Teil aus dem blauen Sternenbanner der EU; es kommt genau aus den Töpfen, aus denen auch künftige Kunst- und Kulturprojekte finanziert werden müssen.

Im konkreten Fall von Graz 2003 haben heimische Kulturschaffende noch mit einem Spezifikum zu kämpfen: Die Agenden für die Kulturhauptstadt wurden hier mehr oder weniger bedingungslos einer Ges.m.b.H. übergeben, deren Verträge mit den KünstlerInnen – milde formuliert – bedenklich erscheinen. Abgesehen von Pönaldrohungen für Aktivitäten, die dem Ruf von Graz 2003 schaden und Verträgen, die besagen, dass 75% der von ProjektbetreiberInnen geworbenen Sponsorgelder an die Ges.m.b.H. fließen, besteht ein schwerwiegenderer Eingriff in die Rechte von KünstlerInnen darin, dass Nutzungsrechte für Werke und Projekte auf Dauer an die Ges.m.b.H abgetreten werden. Dies führt dazu, dass eine private Gesellschaft, die auf unbestimmte Zeit gegründet wurde und deren Funktion nach 2003 völlig ungeklärt ist, in den Besitz zahlreicher kreativer Ideen und Projekte kommt, die sie nach eigenem Gutdünken verwerten kann.

Daraus folgt: Kulturhauptstädte insbesondere in der Konzeption von Graz 2003 sind hochproblematisch für die lokale Kunst- und Kulturszene. Nichtsdestotrotz herrscht bei einem großen Teil der steirischen Kunst- und Kulturschaffenden vorsichtiger Optimismus in Hinblick auf Graz 2003 – zumindest bei denjenigen, denen es gelungen ist, einen Teil des finanziellen Kuchens zu ergattern. Das ist durchaus verständlich: Es eröffnet neue und spannende Möglichkeiten, wenn in Zeiten ständig schrumpfender Budgets akzeptable Summen für künstlerische Arbeit aufgebracht werden. Und es steht zu hoffen, dass die steirischen Kunst- und Kulturschaffenden die finanzielle Gunst der Stunde trotz aller Widrigkeiten produktiv zu nutzen wissen. Würde die Kulturszene sich allerdings etwas wünschen dürfen, etwa von einer guten kulturpolitischen Fee, so wäre sie wohl besser beraten, auf langfristige kulturpolitische Strukturmaßnahmen zu setzen als auf die Krümel vom Tische des Großevents Kulturhauptstadt.

Monika Mokre

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