Kulturhauptstadt – aber WIE?

Die Stadt Linz bewirbt sich um den Titel “Europäische Kulturhauptstadt 2009“. Der “Kulturhauptstadtmacher“ Bob Palmer war in Linz und hat mit VertreterInnen der Freien Szene über die Chancen und Risiken einer Kulturhauptstadt diskutiert. Mit vielen Beispielen und Vergleichen hat er gut nachvollziehbar Anstöße geliefert, wie und warum sich Linz und Oberösterreich zur Europäischen Kulturhauptstadt für 2009 bewerben soll.

Wie würde Linz aussehen, wenn man sie sich als Person vorstellt? – ein fernsehsüchtiger Teenager, eine BWL-Studentin, ein freakiger Web-Designer, ein Stahlarbeiter …? Identität ist sehr vielfältig. Wie ist die Persönlichkeit dieser Stadt? Welches Image soll Linz 2009 haben? Welche Rolle will die Freie Szene dabei spielen?

Kulturhauptstadt werden bedeutet, von Stadt, Land und vor allem dem Bund viel Geld für die kulturelle Entwicklung einer Stadt oder einer Region zu bekommen. Das klingt im ersten Augenblick natürlich sehr verlockend, denn wir alle spüren die Auswirkungen der rigorosen Sparmaßnahmen dieser Regierung. Viel Geld für Kultur verspricht möglicherweise aber doch zuviel, kann dieses Geld doch nicht alle Wünsche erfüllen. Umso mehr ist daher schon in der Bewerbungsphase darauf zu achten, nicht allen den Mund wässrig zu machen. Kultur ist ein weites Feld! Da kann der Sport genauso mitgezählt werden, wie das bestickte Tischtuch oder der Trachtenverein, vom kommerziellen Interesse ganz zu schweigen. Um gegenseitige Konkurrenz auszuschalten, ist eine engere Definition von Kultur anzustreben (z.B. Sport nicht hineinnehmen) – die Kulturverantwortlichen der Stadt haben hier bereits eine engere Sichtweise gewählt Je klarer am Anfang Grenzen gezogen werden, und je klarer Ziele formuliert werden, umso erfolgversprechender und reibungsloser wird auch ein Kulturhauptstadtjahr werden. (Graz als Kulturhauptstadt 2003 mit einem Budget von ca. 14 Mio Euro dürfte es durch viele interne Reibereien nicht gelingen/gelungen sein, sich kulturell zu positionieren.)

Erfolgsfaktoren Das Schlagwort “Nachhaltigkeit“ ist der Parameter, an dem sich der Erfolg einer Kulturhauptstadt messen sollte und nicht an einer kurzfristigen Zunahme von Touristen. Erfolg ist auch dann gegeben, wenn z.B. die Ars Electronica weiterentwickelt werden kann, wenn die Arbeitsbasis für die Freie Szene verbessert werden kann und die KünstlerInnenszene nach einem Jahr als Kulturhauptstadt bessere Arbeitsbedingungen vorfindet als vorher. Folgende Punkte sind zu beachten, besonders für die Freie Szene: – Mit Stärke handeln: gemeinsam, von Anfang an: ein/e VertreterIn aus der Freien Szene soll unbedingt bei der Konzepterstellung dabei sein, die das Netzwerk der freien Szene informiert und sich aufeinander abstimmt. – Erstellung des Kernkonzepts (in einem kleineren Team), dann erst sollen weitere Kulturinstitutionen und –vereine und KünstlerInnen einbezogen werden, um deren Erwartungen nicht zu übersteigen. – Festlegung einer Struktur bzw. Organisationsform: durch die Stadt oder durch eine externe Organisation/Firma. – Aktive Überzeugungsarbeit (Spannung mit PolitikerInnen vermeiden, indem frühzeitig Informationsaustausch stattfindet). – Schaffung einer nationalen und internationalen Basis für KünstlerInnen.

Ziele einer Kulturhauptstadt: Die Ziele sollten inhaltlich tiefgreifend, sozial und kulturell begründet sein (aus mehrfachen Zielen entstehen Spannungen, wie z.B. wirtschaftliche vs. soziale oder politische vs. kulturelle) Das bereits von der Arbeitsgruppe Kulturhauptstadt grob formulierte Thema “Experiment“ ist eine gute Chance für die kulturelle Entwicklung der Stadt. Dies bedeutet auch eine Abkehr von einer kommerziellen Ausrichtung. Die Kulturhauptstadt braucht eine gemeinsam getragene Vision. Auch wenn es noch verfrüht erscheint, ein Konzept zu entwickeln, so dauert das sicher ein Jahr. Ob Linz 2009 Kulturhauptstadt werden wird, entscheidet Österreich als EU-Ratsvorsitzender 2004/05. Um diesen langen Zeitraum trotzdem spannend zu halten, ist es wichtig, nicht nur Diskussionen zu führen, sondern in diesem Prozess der Ideenfindung auch Aktionen oder Pilotprojekte durchzuführen, um eine Idee auf ihre Umsetzung hin zu prüfen. Aufbauarbeit und Ausweitung des kreativen Potenzials muss einige Jahre vorher passieren. Eh klar! Es braucht genügend gute KünstlerInnen in Linz, die den qualitativen Kriterien auf EU-Ebene standhalten können. Für eine kleinere Stadt wie Linz ist es daher besonders wichtig, auch die Regionen mit einzubeziehen und sich gegenseitig zu stärken. Bezüglich der Diskussion rund um das Musiktheater rät Bob Palmer, diese zwei Bereiche auf keinen Fall zu vermischen. Die Kulturhauptstadt ist jedoch eine gute Möglichkeit, um die generelle Krise im Bereich von Opern-Inszenierungen und Theaterproduktionen in experimenteller Form zu thematisieren und möglicherweise mit innovativen und alternativen Methoden zur Darstellung zu bringen. Es ist nicht finanzierbar, mit den Salzburger Festspielen oder den Theaterproduktionen in Wien konkurrieren zu wollen.

“Lassen wir das Theater in Salzburg und Wien!“ (Zitat Palmer)

…. und noch ein paar Tipps: Kein Risiko ohne Fehlschlag! Medien und Öffentlichkeit sind Teil eines Prozesses. Die Rückmeldungen der Öffentlichkeit sind wichtiger als die der PolitikerInnen. Es gibt immer Leute, die bei irgendetwas in Opposition gehen – das kann positiv oder negativ sein. Die Kulturhauptstadt öffnet viele Türen zu Residency-Programmen und internationalen Netzwerken. So wie die Freie Szene den Impulstopf 2001 unter das Motto des Kulturaustausches gestellt hat, so hat Bob Palmer diese Vorgangsweise bekräftigt: Reisen, reisen, reisen …

Für die kulturelle Entwicklung und die der KünstlerInnen ist es wichtig, internationale Beziehungen aufzubauen, dabei aber nicht nur im europäischen Wertesystem zu bleiben, sondern darüber hinaus nach Asien oder Afrika zu gehen. Es ist ein ständig zu hinterfragender Prozess, wo wir stehen, wie wir uns positionieren und wohin wir 2009 gehen. Eine Chance, die wir nutzen sollten!

Elfi Sonnberger

 

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