Was braucht der Nachwuchs? 

In Museen und mit kulturellem Erbe arbeiten? Thomas Philipp hat mit drei Expertinnen aus den Feldern Immaterielles Kulturerbe, Kulturvermittlung und Ausstellungspraxis gesprochen.

Das Interreg-Donauraumprogramm-Projekt „CultHeRit“ neigt sich dem Ende zu. Seit Jänner 2024 wurde über Arbeitsbedingungen und Beschäftigungsmöglichkeiten für junge Fachkräfte im CHIM-Sektor (Cultural Heritage Institutions and Museums, dt. Institutionen des kulturellen Erbes und Museen) diskutiert. Neue Ansätze wurden zudem in zehn Einrichtungen von Wien über Prag bis Bukarest unter realen Bedingungen erprobt. Das Projekt wurde in Österreich von Beginn an von einer Interessengruppe begleitet, koordiniert von der KUPF OÖ. In ihr brachten Vertreter*innen aus Museen, Universitäten, Interessenvertretungen, Ministerien und zivilgesellschaftlichen Organisationen ihre Perspektiven ein. Drei von ihnen wurden für die KUPFzeitung befragt: Cristina Biasetto, Monika Holzer-Kernbichler und Beatrice Jaschke.

Planungssicherheit und faire Strukturen
Auf die Frage nach der dringlichsten strukturellen Veränderung im CHIM-Sektor – abseits der unmittelbaren Frage einer guten Bezahlung – zeichnen die drei Expertinnen ein übereinstimmendes Bild: Das Grundproblem liegt in der Abhängigkeit von kurzfristigen Projektfinanzierungen und jährlich neu zu verhandelnden Fördermitteln. Solange Stellen an Projektzyklen hängen, so der gemeinsame Tenor, bleibt Prekarität strukturell eingebaut. Biasetto betont, dass selbst etablierte Kulturträger mit befristeten Anstellungen und dem Verlust von Expertise konfrontiert sind, und plädiert für eine solide Grundfinanzierung als Voraussetzung für personelle Kontinuität. Holzer-Kernbichler verweist auf die Realität jener Beschäftigungsformen, die den Betrieb am Laufen halten, ohne den Beschäftigten eine Perspektive zu bieten: „Scheinbar Selbständige, freie Dienstverträge, Kettenverträge, Praktikumsstellen oder unbezahlte Volontariate tragen zur Prekarisierung bei.“ Der Sektor brauche Beschäftigungsmodelle, von denen Menschen tatsächlich leben können – verbunden mit einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie einer Kultur der Wertschätzung und Mitbestimmung, die junge Fachkräfte nicht nur einstellt, sondern tatsächlich einbindet. Jaschke fügt noch hinzu und fordert eine grundlegende Neubewertung: „Kulturarbeit ist keine Berufung, die Verzicht rechtfertigt, sondern qualifizierte Facharbeit – und muss entsprechend entlohnt und abgesichert werden. Dazu müssten auch die Hierarchien innerhalb der Institutionen hinterfragt werden, denn der Gehaltsunterschied zwischen Direktionsebene und Vermittlung spiegle Statusdenken wider, nicht tatsächliche Unterschiede in Qualifikation oder Verantwortung.”

Geduld, Netzwerke und ein realistischer Blick
Was raten die drei Expertinnen jungen Menschen, die in den CHIM-Sektor einsteigen möchten? Auch hier sind die Antworten bemerkenswert einheitlich: Vernetzung, Praxiserfahrung und ein ehrlicher Blick auf die Bedingungen stehen im Vordergrund. Holzer-Kernbichler empfiehlt, bereits während des Studiums so viel Praxis wie möglich zu sammeln, sich mit Gleichgesinnten zu verbünden und dranzubleiben. Jaschke rät, sich an verschiedenen Orten ein eigenes Bild zu machen und zu fragen: Wo kann ich unter Bedingungen arbeiten, die ich mittragen kann? Ihr wichtigster Tipp: „Früh beginnen, sich zu vernetzen und zu solidarisieren.“ Biasetto zeichnet ein nüchternes Bild: Viele gut qualifizierte Bewerber*innen treffen auf wenige feste Stellen, der Konkurrenzdruck ist hoch. „Vor allem braucht es derzeit Geduld und etwas Glück“, sagt sie – eine Situation, die sich angesichts der erwarteten Sparmaßnahmen im österreichischen Kulturbereich wohl nicht so schnell entspannen werde.

Drei Felder, drei Perspektiven
Eine dritte Frage in den Interviews war jeweils spezifisch auf das Arbeitsfeld der Interviewpartnerinnen zugeschnitten.
Cristina Biasetto zur Frage, welche Herausforderungen sie für junge Fachkräfte sieht, die im Bereich des Immateriellen Kulturerbes arbeiten möchten: „Eine zentrale Herausforderung dieses Feldes liegt in der äußerst begrenzten Zahl langfristiger Anstellungen. Abseits des universitären Bereichs bieten vor allem Dachorganisationen und Verbände einzelner Praktiken des Immateriellen Kulturerbes berufliche Perspektiven. Weitere, noch seltenere Positionen finden sich auf übergeordneten Ebenen, häufig im Kontext der ‚Volkskultur‘, die starke Querverbindungen mit dem Immateriellen Kulturerbe aufweist bzw. diesem manchmal – fälschlicherweise – gleichgesetzt wird. Die ambivalente Wahrnehmung von Volkskultur bzw. Immateriellem Kulturerbe in Österreich ist nicht ausschließlich positiv besetzt, sondern wird mitunter mit konservativen und exkludierenden Werthaltungen assoziiert. Im Sinne der UNESCO wird aber vor allem das Potenzial hervorgehoben, dass entsprechende Praktiken für eine positive, inklusive und nachhaltige gesellschaftliche Entwicklung stehen können. Das daraus resultierende Spannungsfeld gilt es auszuhalten und konstruktiv zu gestalten, indem die inklusiven Möglichkeiten betont und vermittelt werden, während exkludierende Deutungen kritisch reflektiert, aber nicht reproduziert oder verstärkt werden.“

Monika Holzer-Kernbichler zur Frage, wie gut die Ausbildungsangebote im CHIM-Sektor junge Menschen auf die Realität des Arbeitsmarkts in der Kulturvermittlung vorbereitet: „Das ist eine Frage, die mich schon sehr lange beschäftigt, weil es diesbezüglich noch immer sehr viel zu tun gibt. Im Verband der Kulturvermittler:innen in Österreich haben wir Ausbildungsstandards in unserem Berufsfeld erarbeitet, die nach dem formulierten Berufsbild einen wichtigen Schritt in Richtung Professionalisierung in der Museumsarbeit bedeuten. Aktuell arbeitet ein*e Praktikant*in aus Paris bei uns im Team der Kunstvermittlung, sie studiert an der Sorbonne Kulturvermittlung im Master und ist jetzt vier Monate Vollzeit dabei. Sie ist die erste Volontär*in, die weiß, was unsere Aufgabe ist, der ich nicht alles erklären muss und die in der Lage ist, das, was wir tun, auch kritisch zu reflektieren. So würde ich mir das für die Zukunft wünschen, mit dem Zusatz, ihr auch im Rahmen der Ausbildung eine entsprechende Entlohnung bieten zu können.“

Beatrice Jaschke zur Frage, was Institutionen tun müssen, um den Einstieg in kuratorische und ausstellungspraktische Berufe fairer und nachhaltiger zu gestalten: „Kuratorische Berufe gelten als begehrt, weil sie sichtbar sind, und als unzugänglich, weil der Einstieg oft über informelle Wege, unbezahlte Praktika oder Zufallsnetzwerke läuft. Das ist kein Naturgesetz, sondern eine institutionelle Entscheidung. Was Institutionen konkret tun können: Stellen offen und transparent ausschreiben, Auswahlprozesse mit klaren, nachvollziehbaren Kriterien gestalten und Einstiegspositionen fair entlohnen – auch und gerade Praktika. Darüber hinaus bräuchte es vielleicht eine engere Verzahnung zwischen Ausbildung und Praxis. Studienprogramme, die gezielt auf kuratorische und vermittlerische Tätigkeiten vorbereiten, entfalten ihre Wirkung nur, wenn auf institutioneller Seite entsprechende Stellen existieren, in die eingemündet werden kann. Kooperationen zwischen Ausbildungsinstitutionen und Kultureinrichtungen, etwa durch bezahlte Traineeprogramme, wären ein konkreter Schritt.“

CultHeRit 1

Projekttitel: Identifying solutions for labor market imbalances in the cultural heritage sector in the Danube region by improving its accessibility to young professionals
Region/Strategie: Interreg Danube Region / EU Strategy for the Danube Region (EUSDR)
Schwerpunktbereiche: PA3 „Culture, tourism and people to people contacts“ und PA9 „People and Skills“
Programm: Interreg Danube Transnational Programme 2021 – 2027
Programmschwerpunkt: Priority 3: A more social Danube Region
Spezifisches Programmziel: 3.1: Accessible, inclusive and effective labour markets
Projektlaufzeit: 30 Monate (Jänner 2024 – Juni 2026)
Website: https://interreg-danube.eu/projects/cultherit
CultHeRit 2

13 Organisationen aus acht Ländern beteiligen sich an CultHeRit, darunter das MAK Wien, das Kunstgewerbemuseum in Prag und das Nationale Institut für Kulturerbe in Bukarest. Die KUPF OÖ verantwortet  die Entwicklung eines transnationalen Beschäftigungsmodells sowie die Evaluierung der Pilotaktionen. Seit Jänner 2025 waren in zehn Partnereinrichtungen sogenannte “Young Professionals” beschäftigt – junge Fachkräfte am Beginn ihrer beruflichen Laufbahn, die ein Jahr lang Elemente moderner Prozesse im Personalmanagement im Arbeitsalltag erprobten. Die begleitende Evaluierung zeigte erste Erfolge, etwa bei der Integration der Nachwuchskräfte, der Qualität der Matchingprozesse und dem wechselseitigen Lernen in Mentoring-Programmen. Zugleich legte sie aber auch strukturelle Spannungsfelder offen – etwa bei der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben und den Möglichkeiten einer institutionellen Verankerung nachhaltiger Personalentwicklung. Am 17. und 18. Juni findet das CultHeRit-Abschlusstreffen im Ungarischen Museum für Kunstgewerbe in Budapest statt. Danach erscheint unter anderem ein praxisorientiertes Handbuch, das zentrale HR-Prozesse für den CHIM-Sektor beschreibt.

Cristina Biasetto ist Mitarbeiterin der Österreichischen UNESCO-Kommission im Fachbereich Immaterielles Kulturerbe.

Monika Holzer-Kernbichler leitet die Kunstvermittlung am Kunsthaus Graz und an der Neuen Galerie Graz (Universalmuseum Joanneum), ist Lektorin am Institut für Kunstgeschichte der Universität Graz und an der PH Steiermark, ICOM CECA National Correspondent für Österreich und Vorstandsmitglied im Österreichischen Verband der Kulturvermittler:innen im Museums- und Ausstellungswesen sowie im Museumsbund Österreich.

Monika Holzer-Kernbichler leitet die Kunstvermittlung am Kunsthaus Graz und an der Neuen Galerie Graz, lehrt an verschiedenen Hochschulen und ist bei ICOM CECA Austria, im Museumsbund Österreich und im Österreichischen Verband der Kulturvermittler:innen im Museums- und Ausstellungswesen aktiv.

Beatrice Jaschke ist Vorsitzende von schnittpunkt. ausstellungstheorie & praxis, Co-Leiterin des Masterlehrgangs /ecm – educating/curating/managing für Ausstellungstheorie und -praxis an der Universität für angewandte Kunst Wien, Vizepräsidentin des Museumsbunds Österreich und Beirätin am Volkskundemuseum Wien.

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