Was ist klimafreundliche Kultur und wie hat sie sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt? Wie gelingt der gesellschaftliche Wandel? Ein Überblick von Richard Schachinger.
Die frühen 2000er-Jahre: Jeder Anfang ist wunderbar
Im Jahr 2005 rief das Klimabündnis OÖ mit einem Rebekka-Bakken-Konzert im Posthof die Initiative Klimakultur:Kulturklima ins Leben. Im Jahr darauf schlossen sich zwei Kulturinitiativen mit ihren Festivals an: das Bock Ma’s Benefizfestival in Timelkam und das INNtöne Jazzfestival in Diersbach. Beide setzten auf einen Zubringer-Shuttle-Bus, Mehrwegsysteme und bio-faire Angebote. Das macht sie aus heutiger Sicht zu den ersten beiden dokumentierten Green Events in Oberösterreich.
Warum bieten Green Events einen guten Einstieg ins Thema?
Green Events sind möglichst nachhaltige Veranstaltungen, die auf klimafreundliche Mobilität und Ernährung, Ressourcenschonung und soziale Teilhabe großen Wert legen. Ihnen liegt ein Kriterienkatalog zugrunde, der einen einfachen Selbst-Check ermöglicht, wo das eigene Event in puncto Nachhaltigkeit steht bzw. wo es noch Potenziale gibt. Gleichzeitig verbessern „grüne Maßnahmen“ zumeist insgesamt die Qualität der Veranstaltung, Gäst*innen wissen gutes Essen oder eine einfache Anreise zu schätzen. Für Kulturvereine sind Beratung und Auszeichnung in Oberösterreich kostenlos, darüber hinaus ist eine Zertifizierung nach dem Österreichischen Umweltzeichen möglich.
Der Beginn 2010er-Jahre: Neue Initiativen erweitern das kulturelle Feld
Die Gründung der ersten OTELOs – Offenen Technologielabore in Gmunden und Vöcklabruck markiert eine sprunghafte Ausweitung des kulturellen Feldes: In vormals oft leerstehenden Räumen wird nun repariert („Repair Cafés“), an Rädern geschraubt („Bike Kitchen“ der KAPU), an Hosen genäht (Nähküche Linz) oder es werden Kleider getauscht (RÖDA Steyr) und Gemeinschaftsgärten angelegt (Gartenlabor Leonding). Mit Hilfe der „HumanPowerStation“ treten Besucher*innen beim Linzfest gemeinschaftlich in die Pedale, um Strom für den Filmprojektor zu generieren. Das Teilen von Infrastruktur und der Gemeingutgedanke bilden einen gemeinsamen Nenner dieser Initiativen.
Welchen Einfluss haben Kunst und Kultur auf das Klima?
Der ökologische Fußabdruck des Kulturbetriebs ist global gesehen verhältnismäßig gering und bewegt sich im niedrigen, einstelligen Bereich. Dennoch ist seine Hebelwirkung beachtlich (→ Handabdruck). Warum? Weil es für den ökologischen Wandel unserer Gesellschaft neben technischen Entwicklungen auch eine Vorstellung davon braucht, wie gutes Leben in der Zukunft aussehen kann. Hier liegt die Kernkompetenz der Kulturarbeit: Sie hinterfragt das Gewohnte, verschiebt Grenzen und schafft neue Perspektiven und Räume für echte Teilhabe. Der Soziologe Davide Brocchi argumentiert vor diesem Hintergrund, Kultur als vierte Säule der Nachhaltigkeit zu etablieren. Besonders die Soziokultur wird hier zur Pionierin, indem sie die Transformation im Kleinen erprobt. Gerade im ländlichen Raum entstehen so spannende Labore der Zukunft, wie die Kulturwissenschaftlerin Beate Kegler aufzeigt: Kulturinitiativen reaktivieren altes Wissen über nachhaltiges Leben und entwickeln daraus – gemeinsam mit den Menschen vor Ort – zeitgemäße Antworten auf die Klimakrise.
Das Ende der 2010er-Jahre: Von den Festivals ins Land hinein
Ob bei Rock im Dorf in Klaus, beim Seewiesenfestival in Kleinreifling oder beim Open Air Ottensheim: Initiative Festivals aus dem Netzwerk der KUPF OÖ setzen auf Green Events und teilen ihre Erfahrungswerte untereinander. Auf Seiten des Landes Oberösterreich greift insbesondere das SCHÄXPIR Theaterfestival das Konzept auf und entwickelt es stetig weiter. Ausgehend vom Kulturbereich springen Green Events jetzt über in Richtung Dorffeste und Sportveranstaltungen. Im Jahr 2019 werden erstmals über 100 ausgezeichnete Green Events in Oberösterreich gezählt.
Warum es wichtig ist, den eigenen Verbrauch zu kennen
Häufig gibt es im eigenen Kulturbetrieb ein Bauchgefühl oder eine anekdotische Evidenz, was auf der Klimawaage am schwersten wiegt (→ Fußabdruck). Erhebungen aus dem Kulturbereich zeigen, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit die Gäste*innenmobilität bzw. die An- und Abreise von Besucher*innen an oberster Stelle steht. Doch für alles Weitere ist ein ehrlicher Blick auf die eigenen Zahlen elementar. Nach dem Motto „what you measure, you can manage“ bilden die Verbrauchsdaten – im einfachsten Fall Rechnungen – von Strom, Wärme und Wasser die Grundlage. Von dort aus bietet sich eine geförderte Beratung an, zum Beispiel der „Betriebe-Check“ des Klimabündnis oder eine Energieberatung des Energiesparverbands für eine konkrete Maßnahmenberechnung. Das detaillierteste Bild bringt die akribische Erstellung einer CO²-Klimabilanz: Das deutsche Aktionsnetzwerk Nachhaltigkeit hat dafür ein kostenloses Tool auf Basis eines breit abgestimmten CO²-Kulturstandards erstellt. Im März 2026 hat das österreichische Kulturministerium einen CO²-Rechner für Museen gelauncht.
Der Beginn der 2020er-Jahre: Kontinuität gewinnt an Bedeutung
Mit dem Abklingen der COVID19-Pandemie entwickelte sich eine neue Dynamik im Feld: Das Außenministerium veröffentlicht das „Playbook Klimakultur“, das Kulturministerium legt das Förderprogramm „Klimafitter Kulturbetrieb“ auf und gibt eine erste großangelegte Studie „KulturKlima“ in Auftrag, um einen Status Quo über Nachhaltigkeits-Maßnahmen im Kulturbereich festzustellen. In Tirol gründen TKI und Klimabündnis die erste Koordinierungsstelle für Klimakultur, die KUPF OÖ ruft den KultUrwald als klimafittes Waldprojekt ins Leben. In Deutschland bildet das Aktionsnetzwerk Nachhaltigkeit Transformations-Manager*innen für Kulturbetriebe aus und initiiert die Green-Culture-Anlaufstelle in Berlin. Neben Einzelmaßnahmen und Green Events gewinnen für Kulturbetriebe erste Klimastrategien und Zertifizierungen an Bedeutung. Wie die Fair-Pay-Umfrage aus dem Jahr 2023 im Auftrag des Landes OÖ zeigt, sehen 40 Prozent der oberösterreichischen Kulturbetriebe die Umstellung auf einen klimafitten Kulturbetrieb als sehr große oder große Herausforderung.
Mitte der 20er-Jahre: Rücken- und Gegenwind
Es kommt zu gegenläufigen Entwicklungen: Auf der einen Seite gewinnt der praktische Austausch an Bedeutung. Mithilfe einer EXTRA25-Förderung fand im Juni 2025 im OKH Vöcklabruck das erste oberösterreichische “Green Culture Vernetzungstreffen” statt. Parallel gründete sich in Salzburg der „Weitblick Stammtisch“ für Kultur und Nachhaltigkeit. Der neue Kulturentwicklungsplan der Stadt Linz – KEP3 – wiederum wird der Nachhaltigkeit erstmals ein eigenes Kapitel widmen. Auf der anderen Seite läuft das Förderprogramm „Klimafitter Kulturbetrieb“ ersatzlos aus, Klimaschutz verliert an Boden auf der politischen Prioritätenliste und muss empfindliche Budgetkürzungen hinnehmen.
BEGRIFFSPAARE
Weniger Fußabdruck, mehr Handabdruck
Der CO²-Fußabdruck misst die negativen Auswirkungen unseres Handelns auf das Klima, zum Beispiel wenn wir heizen, essen oder reisen. Der Fokus liegt auf der Reduktion, auch strukturelle Probleme werden allerdings häufig individualisiert.
Der CO²-Handabdruck misst die positiven Auswirkungen unseres Handelns auf das Klima, zum Beispiel durch Engagement und Kooperation. Der Fokus liegt auf dem Möglichen, der Veränderung und Teilhabe.
Green Culture und Klimakultur
Green Culture beschreibt den Kulturbetrieb zur Reduktion des Fußabdrucks, während die Klimakultur mit Mitteln der Kunst und Kultur den Handabdruck vergrößern möchte.
Kunstfreiheit versus Nachhaltigkeit?
Ein Widerspruch, der keiner ist: Ohne Nachhaltigkeit wird es keine Freiheit geben. Und keine Kultur wäre auch nicht nachhaltig.










































