Über unsichtbare Arbeit, Machtverhältnisse, hohen Druck und schwierige Arbeitsbedingungen in der Film- und Theaterbranche. Von Irina Angerer.
Mitten in der Nacht verlässt die leitende Maskenbildnerin das Set eines Kinofilms, setzt sich auf einen Stein und verschränkt ihre Arme. Sie ist unzufrieden mit den Arbeitsbedingungen und kündigt. Zurück blieben ein gestresster Regisseur und ein laufendes Set mitten in der Produktion. Die Assistentin der Maskenbildnerin, die 22-jährige Linda S., war plötzlich allein für das gesamte Make-up verantwortlich. Obwohl sie darauf kaum vorbereitet war und nur begrenzte Utensilien dabei hatte, begann sie, die bereits begonnene Arbeit in der Maske fortzuführen und Bärte für die verbleibenden Schauspieler*innen zu schminken. „Ich fühlte mich völlig überfordert, musste aber trotzdem weitermachen, weil die Produktion nicht stehen bleiben konnte“, beschreibt sie die Situation heute.
Die Letzten am Set
Linda S. möchte ihren richtigen Namen nicht nennen, zu klein sei die Branche. Man kenne sich in der Maskenbild- und Theaterszene, deren Teil sie die vergangenen acht Jahre war. Situationen wie die oben beschriebene seien keine Ausnahme in diesem Beruf: „Mein Arbeitsalltag war sehr herausfordernd. “Ich wurde oft ins kalte Wasser geworfen und musste mir vieles selbst erarbeiten.“ Der Job sei stark von Zeitdruck und Deadlines geprägt – kreative Prozesse ließen sich aber nicht immer gut einplanen. „Beim Film arbeitet man in der Regel etwa zehn Stunden am Tag, oft deutlich länger. Überstunden sind üblich und schwer abzulehnen, da man sonst riskiert, bei zukünftigen Projekten nicht mehr berücksichtigt zu werden.“ Maskenbildner*innen seien meist die Ersten am Set und die Letzten, die gehen, da sie sowohl für das Schminken als auch für das Abschminken verantwortlich sind. Für Beziehungen oder gar Familie bleibe da wenig Zeit. Linda erzählt von starken Hierarchien und Machtmissbrauch. Besonders junge oder unerfahrene Personen liefen Gefahr, ausgenutzt zu werden. „Oft muss man für faire Bezahlung und Pausen kämpfen.“
Zwischen Begeisterung und Verausgabung
Bereits nach der Matura wusste Linda S., dass sie gerne mit Menschen arbeiten und gleichzeitig künstlerisch tätig sein möchte. „Ich habe dann überlegt, wie ich diese beiden Interessen verbinden kann, und bin zunächst auf Bodypainting gestoßen.“ Daraufhin suchte sie nach einem Beruf, der Kreativität, die Arbeit mit Menschen und auch eine gewisse finanzielle Sicherheit verbindet. Linda S. fand schließlich das Maskenbild-Studium an der Theaterakademie August Everding in München. Das Aufnahmeverfahren umfasst praktische Prüfungen, ein Gespräch sowie eine Mappe mit eigenen Arbeiten. Dort lernte sie unter anderem historisches Frisieren, Modellieren, Formenbau, das Arbeiten mit Silikon und Spezialeffekten, klassisches Beauty-Make-up sowie kreative Looks für Mode, Bühne und Film. „Während des Studiums habe ich bereits an verschiedenen Projekten gearbeitet, zum Beispiel an Kurzfilmen, Musikvideos und Theaterproduktionen. Es ist wichtig, früh Kontakte zu knüpfen, um nach dem Studium direkt arbeiten zu können“, erklärt Linda S.
Besonders erfüllend sei es gewesen, zu sehen, wie ein Film oder ein Theaterstück beim Publikum ankommt. „Wenn man merkt, dass die eigene Arbeit Menschen berührt, ist das ein sehr schöner Moment“, sagt sie. Auch kleine Dinge, wie ein gelungen umgesetzter Spezialeffekt oder positives Feedback von Schauspieler*innen, können sehr befriedigend sein. Außerdem sei die Branche oft offen und vielfältig und beschäftige sich mit wichtigen gesellschaftlichen Themen. „Viele Menschen denken kreativ und reflektiert, was den Austausch spannend macht“, so Linda S.
Wo der Applaus nicht ankommt
Ein großer Teil der Menschen in der Filmbranche lebe für die Arbeit, habe kaum ein Privatleben und identifiziere sich stark über die eigene Leistung sowie über die Anerkennung, die dafür erhalten werde. Dadurch entstünden ungesunde Dynamiken. So habe Linda S. mehrfach erlebt, dass sie an ein Set gekommen sei und es bereits Konflikte gegeben habe. „Bei einem Dreh konnten zwei leitende Maskenbildner*innen nicht miteinander arbeiten, weil beide ihre eigene Vision durchsetzen wollten. “Die Kommunikation funktionierte nicht, und ich wusste oft nicht, wessen Anweisungen ich folgen sollte.“ Egal, wie sie sich entschieden habe, es sei für die jeweils andere Person falsch gewesen. „Dadurch konnte ich mich kaum auf meine eigene Arbeit konzentrieren.“ Auch im Theater habe sie schwierige Situationen erlebt. Eine Schauspielerin nahm ihr die Mascara aus der Hand und begann, sich selbst zu schminken. Linda S. musste sie wegschicken, denn ihre Zeit war bereits vorbei, und andere Darsteller*innen warteten. „Am Ende hat sie ihr Aussehen einfach verändert, ohne Rücksprache zu halten“, ärgert sie sich.
Wenn der Traumjob krank macht
Langes Stehen, schweres Tragen und wenig Schlaf gehörten zum Alltag. Das hatte Folgen: Linda S. entwickelte Unverträglichkeiten und chronische Entzündungen. Auch die Psyche litt unter dem ständigen Druck und dem Konkurrenzkampf mit anderen. Ihr Umfeld bestand zeitweise nur noch aus Menschen aus der Film- und Theaterbranche. Und mit jedem Ende eines Projekts brach diese eigene kleine Welt abrupt weg, und sie „fiel in ein emotionales Loch“, wie sie sagt. Eines Tages kam der Tag, an dem Linda S. kündigte. Ob sie irgendwann in die Film- und Theaterwelt zurückkehrt? Vielleicht findet die Liebe zum Beruf wieder zu ihr zurück. Vielleicht bleibt er auch genau dort, wo er jetzt ist, als Erinnerung an eine nicht immer einfache Zeit, die sie stark geprägt hat und sie wahrscheinlich niemals ganz loslassen wird.










































