Was ändert sich, wenn man existenziell abgesichert ist? Ein Pilotprojekt in Irland zeigt, was ein staatliches Grundeinkommen für Kunst und Kultur verändert. Nora Soumah berichtet.
Irland hat mit „Basic Income for the Arts“ ein Pilotprojekt gestartet. Von 2022 bis Februar 2026 wurde ein staatliches Grundeinkommen für Künstler*innen und Kulturarbeiter*innen eingeführt und wissenschaftlich begleitet. Die Ergebnisse führten zu einer politischen Entscheidung: Ab 2026 wird das Grundeinkommen dauerhaft weitergeführt.
Entstehung des Pilotprojekts
Auslöser für die Entscheidung zum Pilotprojekt „Basic Income for the Arts“ war die COVID-Pandemie. Die damalige Kulturministerin Catherine Martin setzte eine Task Force ein, an der auch die NCFA (National Campaign for the Arts) beteiligt war, um die Auswirkungen der Lockdowns auf den Kunst- und Kulturbereich zu analysieren und konkrete Unterstützungsmaßnahmen zu entwickeln. Innerhalb der Task Force entwickelte sich das Grundeinkommen rasch zur zentralen Maßnahme. Maria Fleming, Vorsitzende der NCFA, beschreibt es als „issue number one“ – um Künstler*innen und Kulturarbeiter*innen nicht nur durch die Pandemie, sondern darüber hinaus strukturell abzusichern.
Das ursprünglich auf drei Jahre angelegte Pilotprojekt lief von 2022 bis Februar 2026. Unter den rund 8.000 potenziell Bezugsberechtigten wurden 2.000 Kulturarbeiter*innen zufällig ausgewählt. Sie erhielten wöchentlich 325 Euro. Parallel dazu wurde eine Kontrollgruppe von 1.000 Personen eingerichtet. Wiederholte Befragungen, laufende Datenerhebung – auch im Vergleich zur Gesamtbevölkerung – sowie eine externe Auswertung sollten sicherstellen, dass die politischen Effekte messbar werden.
Aber es zeigte sich, dass nicht alle den gleichen Zugang hatten. So verzichteten Kulturarbeiter*innen mit Behinderungen teils auf eine Antragstellung oder zogen ihre Teilnahme zurück, da unklar war, ob das Grundeinkommen auf bestehende Unterstützungsleistungen angerechnet wird. Auch für Studierende, Berufseinsteiger*innen sowie ältere Kulturarbeiter*innen blieben Fragen zu parallelen Förderbezügen offen. Diese Erfahrungen verdeutlichen: Einkommenssicherung wirkt, doch ihre konkrete Ausgestaltung muss mit sozialrechtlichen Rahmenbedingungen verknüpft werden, um eine tatsächliche Zugänglichkeit zu gewährleisten.
Zentrale Forschungsergebnisse
Die Begleitstudien machen das strukturelle Prekarität des Sektors unmissverständlich sichtbar. Laut Maria Fleming leben „53 % der Beschäftigten im Kunstsektor unterhalb der Armutsgrenze – dreimal mehr als in der Gesamtbevölkerung Irlands“. Diese Zahlen hätten wesentlich zur Sensibilisierung beigetragen – sowohl innerhalb der Politik als auch in der breiteren Öffentlichkeit – und die Argumentation für eine dauerhafte Einführung des Grundeinkommens entscheidend gestärkt.
Gleichzeitig wurde das Modell auch einer wirtschaftlichen Überprüfung unterzogen. Wie Maria Fleming ausführt, kam eine unabhängige Kosten-Nutzen-Analyse zu dem Ergebnis, dass „für jeden investierten Euro 1,39 Euro an den Staat zurückfließen“. Der dahinterstehende Mechanismus ist weniger abstrakt, als es zunächst klingt: Wer weniger Zeit in fachfremden Nebenjobs verbringen muss, kann mehr in die eigene künstlerische Praxis investieren. Mehr Produktionszeit bedeutet mehr Werke, mehr Aufführungen, mehr Ausstellungen und somit ein größeres zahlendes Publikum. Zugleich zahlen viele der Teilnehmenden höhere Steuern als zuvor, während die Ausgaben für andere Sozialleistungen sinken. Der Rückfluss entsteht also nicht durch eine Sparlogik, sondern durch stabilisierte Arbeitsbedingungen.
Was Stabilität verändert
Neben den Zahlen berichten die Erhebungen von tiefgreifenden Veränderungen im Alltag. Grundlegende Bedürfnisse wurden erstmals wieder leistbar: Termine bei Ärzt*innen, Therapien oder einfache soziale Teilhabe. Für viele eröffnete die Einkommensgrundsicherung neue Handlungsspielräume – etwa bei Familiengründung, langfristigen Wohnperspektiven oder der Entscheidung, im eigenen Berufsfeld zu bleiben.
Fleming beschreibt diesen Wandel nicht als unmittelbaren Effekt, sondern als Prozess: „Es ist fantastisch, mit Künstler*innen zu sprechen und zu hören, wie sich ihre Mentalität im Laufe der drei Jahre verändert hat – von einer Mentalität der Knappheit hin zu dem Vertrauen, dass sie sich auf ihre künstlerische Praxis verlassen können, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. […] Aber wie viele gesagt haben, hat es mindestens ein Jahr gedauert, bis dieses Vertrauen in ein regelmäßiges Einkommen entstanden ist.“ Stabilität, so wird deutlich, wirkt nicht kurzfristig – sie braucht Zeit, um Vertrauen zu erzeugen.
Gerade weil das Pilotprojekt über diesen Zeitraum hinweg Stabilität geschaffen hatte, wurde sein Auslaufen als sensibler Moment wahrgenommen. Unter den derzeitigen 2.000 Bezieher*innen herrscht – so Fleming – große Sorge vor einem möglichen „Sturz von einer Klippe“, wenn die Zahlungen abrupt enden. Die NCFA führt daher Gespräche mit dem zuständigen Ministerium über eine mögliche Übergangsregelung, etwa eine schrittweise Reduktion der Zahlungen. Parallel dazu kooperiert sie mit der Organisation Minding Creative Minds, die psychosoziale Beratung, mentale Gesundheitsangebote sowie strukturierte Unterstützung bei beruflichen und existenziellen Übergangsphasen für Kulturarbeiter*innen bereitstellt.
Mehr als ein Pilotprojekt
Ein entscheidender Erfolgsfaktor war die parteiübergreifende Absicherung des Projekts. Die NCFA suchte frühzeitig den Dialog mit den Oppositionsparteien, um Kontinuität über Wahlperioden hinweg zu gewährleisten. Trotz Regierungswechseln wurde das Projekt fortgeführt und schließlich dauerhaft verankert.
Wie Fleming es pointiert formuliert: „Der wichtigste Punkt ist: Das Modell funktioniert.“
Ab 2026 wird das Grundeinkommen dauerhaft fortgeführt. Dem Angebot von 2.000 Plätzen standen mehr als 9.000 Bewerbungen gegenüber – der Bedarf bleibt hoch. Ziel der NCFA ist es nun, die Zahl der Begünstigten schrittweise zu erhöhen und das Modell langfristig institutionell abzusichern.
Die Entscheidung zur Verstetigung gilt als kulturpolitischer Meilenstein. Die gewonnenen Daten sind öffentlich zugänglich und international anschlussfähig. Die sozialen und ökonomischen Effekte des Modells sind nicht spezifisch irisch, sondern verweisen auf strukturelle Fragen, die weit über nationale Kontexte hinausreichen.
National Campaign for the Arts: www.ncfa.ie
Basic Income for the Arts: www.gov.ie
Die National Campaign for the Arts (NCFA) ist eine ehrenamtlich organisierte Initiative, die sich sektorenübergreifend für die Interessen der Kunst- und Kulturarbeit in Irland einsetzt. Ihre Arbeit umfasst kulturpolitische Lobbyarbeit ebenso wie Fragen sozialer Absicherung, Barrierefreiheit, regionaler Entwicklung und Klimaschutz. In ihrer Rolle als unabhängige Interessenvertretung ist sie am ehesten mit dem Kulturrat Österreich vergleichbar.
Dieser Beitrag wurde erstveröffentlicht auf igkultur.at und basiert auf einem Interview mit Maria Fleming, Vorsitzende der National Campaign for the Arts. Es wurde in der RadiosendungBewegungsmelder Kultur der IG Kultur 2026 ausgestrahlt. https://shorturl.at/WCnY2




















































