Das Bundesministerium hat Geschlechterverhältnisse in Kunst und Kultur untersucht und nun in einem Workshop die Ergebnisse diskutiert. Katharina Spanlang war dabei.
J. arbeitet seit vier Jahren in der Produktion in einem großen Kulturbetrieb. Die Leitungsstelle der Produktion wird frei und soll intern mit einer erfahrenen Person aus dem bestehenden Team nachbesetzt werden. J. bewirbt sich auf die Stelle und wird zum Gespräch eingeladen, welches weitgehend gut verläuft. Dann kommt die Frage, wie sie sich vorstellt, einen Leitungsjob und zusätzliche Abend-Termine mit ihrem Kind zu vereinbaren.
Was J. erlebt, ist kein Einzelfall. Der erste Gender Report für Kunst und Kultur in Österreich, erschienen im September 2024, versucht genau diese Strukturen sichtbar zu machen. Es ist ein Blick in die Vergangenheit mit dem Versuch, quantitativ innerhalb der Jahre 2017-2021 die Geschlechteraufteilung zu erfassen. Was sich viele denken können, wird hier in Zahlen und Fakten dargelegt.
Es wird unter anderem ersichtlich, dass mehr Frauen* im Kunst- und Kulturbereich arbeiten als Männer*. In den bestbezahlten Positionen, bei Aufsichtsorganen und im Bereich der Sichtbarkeit von Werken bilden Männer* im Untersuchungszeitraum dennoch die Mehrheit. Der Bericht stellt außerdem fest, dass der Gender Pay Gap im Kunst- und Kulturbereich höher ausfällt als im Durchschnitt anderer Branchen.
Der Kulturbetrieb versteht sich als progressiv, divers, kritisch. Doch gerade dort, wo über Budgets, Sichtbarkeit und Karrieren entschieden wird, reproduzieren sich erstaunlich stabile Geschlechterverhältnisse.
In ihrem Job hat J. nie erwähnt, dass sie Kinder hat. Bewusst. Trotzdem wusste die Führungsebene Bescheid. Sie bekam den Job nicht. Stattdessen übernimmt ihr Kollege, der seit einem Jahr im Team ist, die Leitung.
Ende Jänner lud das Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport (BMWKMS) zum Workshop „(Kein) Land in Sicht? Zur Geschlechtergleichstellung in Kunst und Kultur“ ein. Sichtlich stolz wurde zu Beginn der Veranstaltung auf Maßnahmen hingewiesen, die zur Gleichstellung bereits existieren. Unter anderem wird auf das gesetzlich verankerte Gender Budgeting hingewiesen, auf spezielle Frauenförderungen sowie auf vera*, die Vertrauensstelle für Betroffene von Gewalt und Belästigung.
Wer spricht über Gleichstellung?
Anschließend wurden Teilnehmende eingeladen, ihre Ideen und Perspektiven für den nächsten Gender Report, der die Jahre 2022-2026 untersuchen wird, zu teilen. Anhand des Feedbacks wird die Ausschreibung für die nächste Untersuchung formuliert. Auffällig ist, wer im Raum sitzt und wer nicht: vor allem weiblich gelesene Personen, viele aus der freien Szene. Personalverantwortliche großer Häuser? Fehlanzeige. Wer über Gleichstellung spricht, ist selten in jener Ebene tätig, die strukturelle Macht innehat.
Mehrmals wurde der Wunsch geäußert, auch mehrfach marginalisierte Gruppen wie Menschen mit Migrationsbiografien, nicht binäre sowie trans Personen und ältere Menschen im Gender Report besser abzubilden. Diskutiert wurde auch, wer diesen Report überhaupt liest und wie sich die Inhalte für die Zielgruppen der Umsetzer*innen besser aufbereiten lassen. Außerdem wurde festgehalten, dass Frauen* öfter von Mobbing sowohl am Arbeitsplatz als auch durch Hass im Netz betroffen sind und dies zu Einschränkungen der künstlerischen Freiheit und der Arbeit im Kunst- und Kulturbereich führt. Der Wunsch, auch dies in einem zukünftigen Gender Report zu untersuchen, wurde mehrfach geäußert.
Es ist der Kollege von J., mit dem sie am wenigsten gut zusammenkommt. Einige Zeit nachdem er die Leitung übernommen hat, fragt er sie in einer Pause überraschend, ob J. mal mit ihm auf ein Getränk nach der Arbeit gehen möchte.
Am 1. September 2009 wurde Gender Budgeting im Bundes-Verfassungsgesetz in Artikel 13 Absatz 3 verankert. Bund, Länder und Gemeinden sind somit dazu verpflichtet “bei der Haushaltsführung die tatsächliche Gleichstellung von Frauen und Männern anzustreben”.
Die Empfehlungen des ersten Gender Reports finden sich im aktuellen Regierungsprogramm wieder.
Und jetzt?
Der Report und die Fortführung dessen sind wichtig, die abgeleiteten Maßnahmen sowie die Verankerung im Regierungsprogramm sind es ebenso. Und war’s das jetzt?
Mein Text liest sich trocken, erklärend, deskriptiv und so fühlen sich auch die Maßnahmen an. Vielleicht liegt es daran, dass Berichte messen, aber nicht eingreifen. Dass sie sichtbar machen, ohne Macht neu zu verteilen. Dass sie Daten produzieren, aber keine Verbindlichkeit.
Was verändert ein Gender Report, wenn wirklich ernstgemeinte Umsetzungspläne fehlen? Gender Budgeting ist in der Theorie super, doch fehlt die praktische Umsetzung – trotz gesetzlicher Verankerung seit über 15 Jahren. Papier ist geduldig.
Wo sind verbindliche Transparenzregeln für Gehälter?
Wo sind Quoten in Leitungs- und Aufsichtsgremien?
Wo sind verpflichtende Vereinbarkeitsmodelle für Künstler*innen mit Betreuungspflichten?
Wenn für Forschung Geld in die Hand genommen wird, muss auch für die Umsetzung der Ergebnisse Geld in die Hand genommen werden sowie konsequent an Änderungen gearbeitet werden. Ziel muss sein, dass es keinen Gender Report mehr braucht, dass Geschlechtergerechtigkeit ein Begriff für die Geschichtsbücher wird.
J. lehnt die Einladung zum Getränk mit ihrem neuen Vorgesetzten ab. Sie lässt sich in eine andere Spielstätte versetzen.
Gender Report im Bereich Kunst und Kultur 2017-2021. Petra Unger, Johannes Klotz, Michaela Lebisch, Alexander Toplitsch. September 2024.
Online verfügbar: https://shorturl.at/R22vL.
Als PDF verfügbar: https://shorturl.at/CfjyV




















































