Von Linz in die Provinz

Das Landesarchiv Oberösterreich soll umziehen – von der Landeshauptstadt Linz nach Feldkirchen an der Donau. Dieser geplante Umzug wirft Fragen zur Rolle von Archiven und zu demokratischen Prozessen auf. Christa Hager hat sich umgehört.

Toshiro Uemura ist weit gereist. Der japanische Historiker kommt einmal im Jahr nach Österreich, um in den Archiven zur Öffentlichkeit während des aufgeklärten Absolutismus im 18. Jahrhundert zu recherchieren. Fündig wurde er zuletzt auch in Linz, wo er im Landesarchiv Oberösterreichs Polizeiakten zur Beschlagnahmung verbotener Bücher einsehen konnte. Er kennt Österreichs Archive sehr gut und schätzt ihre Funktionalität, die gute Erreichbarkeit und den Service.  

Seit 1971 ist das oö. Landesarchiv in der Anzengruberstraße in Linz untergebracht. Bereits bei der Planung wurde eine große Fläche für einen Zubau vorgesehen. Dennoch verkündete Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP) im Vorjahr die Übersiedlung des Landesarchivs in das entlegene Schloss Bergheim im Mühlviertel. Wegen Platzmangels, veralteter Lagerbedingungen und Kosteneinsparungen, hieß es. 

Gemeinsam mit Altstoffsammelzentrum, Bauhof und Standesamt

In Schloss Bergheim ist derzeit noch eine Schule untergebracht. Sie wird 2026 umziehen, danach steht der denkmalgeschützte Komplex für den Umbau zur Verfügung. Das Standesamt, der Bauhof und – etwas abseits – ein Altstoffsammelzentrum sollen bleiben. 

Es bleibt nicht folgenlos, wenn Archive aus den Zentren verschwinden. Wieso Standortentscheidungen nicht neutral sind und inwiefern sie auch politische Signale senden, haben wir bei Regina Thumser-Wöhs von der Uni Linz erfragt. Was für den Umzug spricht bei Landeskulturdirektorin Margot Nazzal. Für Professor Uemura von der Universität Waseda ist der neue Standort kaum mit seiner persönlichen „Kosten-Nutzen-Zeit-Rechnung“ vereinbar. Die längere Anfahrtszeit und die Verkehrsanbindungen würden den Archivbesuch “mühsam” machen, sagt er.  

Wie geht es weiter?

Derzeit arbeitet eine Projektgruppe am Umzug – gegen den aktuell noch eine Petition unterzeichnet werden kann. Seit Anfang 2026 läuft eine öffentliche Ausschreibung für Architekt*innen für den großen Archivspeicher im Außenbereich und die Renovierung des Schlosses. Wo der mindestens fünfgeschossige Speicher schlussendlich gebaut werden soll, ist noch nicht beschlossen. Die Machbarkeitsstudie sieht entweder ein Areal bei der Straße oder hinter dem Schloss auf der Wiese vor. Wie werden sich historische Bildung und gesellschaftliche Teilhabe entwickeln?

Bis Mai 2026 läuft eine Petition gegen den Umzug des oö. Landesarchivs, gestartet vom Institut für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte der Johannes Kepler Universität Linz. 
openpetition.eu/!lzvxh

Bergheim als Chance

Im Gespräch: Margot Nazzal, Kulturdirektorin des Landes Oberösterreich und Mitglied der Projektgruppe zum Standort Bergheim.

Christa Hager: Es ist etwas still geworden um den geplanten Umzug des Landesarchivs. Wie ist der Stand der Dinge?Margot Nazzal: Es wurde eine Projektgruppe eingerichtet, die die einzelnen Themenbereiche vorbereitet und zur Umsetzung bringt. Die Projektleitung zum Thema Bau liegt bei der Landesimmobiliengesellschaft (LIG). Verschiedenste weitere Themen vom Personal bis hin zu IT-Fragen wie auch die Vorbereitung der Übersiedlung selbst, werden unter der Projektleitung des Landesarchivs bearbeitet.

Wie schätzen Sie aus Ihrer Sicht die Entscheidung über den geplanten Umzug ein? 
In derartige Entscheidungen fließen eine Vielzahl an Parametern ein, die letztlich entsprechend gewichtet werden und zu einem Ergebnis führen. Ein Thema der vergangenen Jahre war, dass nahezu alle Landeseinrichtungen in Linz situiert sind. Auch deshalb wurde entschieden, das Landesarchiv nach Bergheim zu verlegen. Abgesehen davon gibt es aus einer gesamthaften Betrachtung noch etliche weitere Punkte, die für den Standort Bergheim sprechen: 

  • Mit dem Landesarchiv kann das bauhistorisch bedeutsame Schloss Bergheim dauerhaft, sinnvoll und nachhaltig in Nutzung gehalten und der Öffentlichkeit als Kulturgut zugänglich erhalten bleiben. 
  • Der Standort Linz Anzengruberstraße wäre mit dem derzeitigen Flächenbedarf am Ende seiner Möglichkeiten gewesen und eine Erweiterung in der nächsten Generation wäre nicht mehr möglich.
  • Der Umbau und die Übersiedlung des Archivguts am Altstandort hätte in 3 – 4 Abschnitten über mehrere Jahre und erheblichen Belastungen der Mitarbeiter*innen und Anrainer*innen durch die Bauarbeiten am Stahlbetonskelett erfolgen müssen. Das wäre aufgrund der vorhandenen Bausubstanz laut unseren Expert*innen der LIG auch mit qualitativen Abstrichen einhergegangen.
  • „Auf der grünen Wiese“ in Bergheim kann ein auf die Bedürfnisse des Landesarchivs maßgeschneiderter Archivspeicher nach den modernsten technischen Standards neu gebaut werden. Dies bringt optimale Lagerbedingungen für das Archivgut. Es ermöglicht aber auch, dass der Archivspeicher nach modernsten ökologischen Standards dauerhaft energieeffizient betrieben werden kann.

Das Landesarchiv liegt derzeit zentral in Linz mit guter öffentlicher Anbindung. Feldkirchen/Donau ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln deutlich schwieriger zu erreichen. Wie wird sichergestellt, dass das Landesarchiv am neuen Standort seine Servicefunktion für die Bevölkerung aufrechterhalten kann? 
Genau dieses Thema wird derzeit natürlich auch in der Projektgruppe bearbeitet, um gute Lösungen zu erreichen: Die Fahrzeit vom Stadtzentrum Linz nach Feldkirchen an der Donau mit dem öffentlichen Bus beträgt zwischen 27 und 31 Minuten und wird in der Morgenspitze in ca. 30-minütigen Abständen geführt. Zur Optimierung der Anbindung des Archivs Bergheim an die Landeshauptstadt ist die Attraktivierung der Buslinienführung im Bereich Feldkirchen sowie ein Verlegen der Bushaltestelle direkt vor das Landesarchiv in Überlegung.

Vertreter aus Wissenschaft und Kultur, darunter eine Online-Petition mit Unterstützung der JKU und des Verbands österreichischer Archivar*innen, äußern Bedenken u.a. hinsichtlich Zugänglichkeit und demokratischer Teilhabe. Sind diese Bedenken Ihrer Ansicht nach berechtigt? 
Aus Sicht der Projektgruppe arbeitet man natürlich daran, dass eine gute Zugänglichkeit gegeben ist. Die Bedenken betreffen die getroffene Entscheidung und die schon oben ausgeführte Abwägung der unterschiedlichen Parameter. Es wird weiterhin standortunabhängig die Digitalisierung des Archivguts vorangetrieben. Für die darüber hinaus wichtige und gewünschte physische Zugänglichkeit wird es keine standortbedingten Einschränkungen geben und durch den Neubau können hinsichtlich der Nutzer*innenfreundlichkeit, insbesondere auch für bewegungseingeschränkte Besucher*innen bzw. Mitarbeiter*innen, deutliche Verbesserungen im Gebäude erzielt werden. Darüber hinaus eröffnet das gesamte Raumangebot im Schloss Bergheim inklusive seiner Parkanlage gerade für die Zielgruppen Schüler*innen, Studierende, Wissenschaftler*innen usw. ein attraktives Ambiente für die Bespielung und Nutzung der vorhandenen historisch relevanten Räumlichkeiten des Schlosses für Veranstaltungen.

Archive im Abseits

Im Gespräch: Regina Thumser-Wöhs, stv. Institutsvorständin des Instituts für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte der JKU Linz.

Christa Hager: Die Diskussion um den geplanten Standortwechsel des OÖ Landesarchivs wird auch unter demokratiepolitischen Gesichtspunkten geführt. Welche Aspekte dieser Debatte sind aus zeitgeschichtlicher und wissenschaftlicher Perspektive besonders relevant?
Regina Thumser-Wöhs: Aus zeitgeschichtlicher Perspektive ist zunächst festzuhalten, dass Archive keine neutralen Orte sind. Ohne sie fehlt die Grundlage für Öffentlichkeit, Kritik und eine lebendige res publica. Das oö. Landesarchiv ist das institutionalisierte Gedächtnis des Landes. Seine demokratische Bedeutung bemisst sich an Zugänglichkeit, Sichtbarkeit und Präsenz im öffentlichen Raum. Eine Verlagerung aus dem Zentrum der Landeshauptstadt an einen peripheren Standort betrifft daher nicht bloß eine Standortfrage, sondern den Kern demokratischer Wissensordnung.

Welche demokratiepolitische Funktion erfüllen öffentliche Archive konkret?
Archive ermöglichen Akteneinsicht, Nachvollziehbarkeit und Kontrolle staatlichen Handelns – nicht nur retrospektiv, sondern auch gegenwartsbezogen. Sie sind zentrale Infrastrukturen demokratischer Transparenz und eine Voraussetzung für Informationsfreiheit. Wird der Zugang erschwert, wird auch diese Kontrollfunktion geschwächt.

Welche Auswirkungen hat es, wenn Archive schwerer zugänglich sind?
Liegt ein Archiv sehr abgelegen und ist es zudem (fast) nur mit dem Auto erreichbar, wird der Zugang zu historischem Wissen deutlich eingeschränkt. Besonders betroffen sind Menschen, die auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind oder keine langen Anfahrtswege bewältigen können – ihre Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe werden dadurch erheblich reduziert. Für Forschung und Lehre wäre der Umzug ein substanzieller Einschnitt. Lehrveranstaltungen mit Archivarbeit, Seminare, Workshops, Tagungen oder öffentliche Vorträge sind auf niederschwellige Erreichbarkeit angewiesen. Ein abgelegener Standort schwächt die Funktion des Archivs als lebendigen Ort des Wissens. Betroffen sind nicht nur Bildung, Wissenschaft und Journalismus, sondern auch die Bürger*innen selbst. Wird ein Archiv seltener genutzt, verliert es an öffentlicher Sichtbarkeit – und damit schwindet auch ein Stück demokratischer Kontrolle.

Welche Rolle spielen Archive für den gesellschaftlichen Umgang mit der Vergangenheit?
Archive strukturieren, was erinnerbar bleibt und wie Vergangenheit verhandelt werden kann. Gerade für die Zeitgeschichte sind Archive unverzichtbar. Der Umgang mit Archiven zeigt, wie ernst eine Gesellschaft ihre Geschichte nimmt. Ihre Marginalisierung von Archiven schwächt historische Bildung und demokratische Selbstverständigung. 

Welche Bedeutung haben Standortentscheidungen?
Standortentscheidungen sind politische Signale. Problematisch ist im vorliegenden Fall, dass die Entscheidung offenbar ohne transparente Machbarkeitsstudie und ohne nachvollziehbare Kosten-Nutzen-Analyse getroffen wurde. (Die realen Kosten werden die kolportierten Kosten um ein Vielfaches übersteigen.) Das schwächt das Vertrauen in demokratische Entscheidungsprozesse.

Was finden Sie am geplanten Standort im Schloss Bergheim problematisch? Welche Alternativen gäbe es? 
Problematisch sind die fehlende öffentliche Verkehrsanbindung, der zusätzliche Individualverkehr sowie die ökologischen Folgen für den Großraum Linz. Hinzu kommen Sicherheits- und Umweltfragen wie Brandrisiken durch Eventnutzung sowie ungeklärte Hochwasser- und Grundwasserrisiken. Eine nachhaltige Alternative wäre die Sanierung und Erweiterung des bestehenden Standorts in Linz.

Welche Rolle spielen Archive aus Sicht der Neueren Geschichte und der Zeitgeschichte?
Archive sind die materielle Grundlage einer informierten demokratischen Öffentlichkeit. Eine Demokratie, die Archive räumlich, infrastrukturell oder ökologisch marginalisiert, schwächt ihre eigenen Grundlagen.

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