Du hast lange Haare und rasierst sie ab. Du denkst, jetzt wird alles anders. Dass du frei bist. Dass dir Schönheitsnormen egal sind. Dass du durchs Leben gehst, ohne dich darum zu kümmern, ob Menschen dich schön finden. Du hast gelesen, wie befreiend das sein soll. Nicht mehr angepasst. Nicht mehr gefällig. Du hast erwartet, dass der Schönheitsdruck aufhört, sobald deine Haare auf 2 mm gekürzt sind.Aber das tut er nicht. Deine Sozialisierung sitzt tiefer. Der Male Gaze hat dich fest im Griff. Du fühlst dich unwohl. Nicht schön. Deine Haare waren nie besonders wichtig. Sie waren einfach da. Ein still erfülltes Kriterium für weiblich gelesene Personen. Jetzt sind sie weg. Und du fühlst dich entlarvt. Nackt.
Menschen nehmen sich das Recht, dir zu sagen, dass es ihnen nicht passt. Dass du als Frau* gefälligst lange Haare haben sollst, weil du sonst “wie ein Pitbull aussiehst”. Dass du es bereuen wirst. Die Personen, die du gedatet hast und die sich feministisch nennen, wenden sich lieber begehrlicheren Frauen* zu. Die mehr ins Bild passen. Die halt doch irgendwie normschöner sind.
Plötzlich wird dir klar: Es ist nicht genug, sich die Haare zu scheren. Nicht genug, ästhetisch radikal zu sein. Theorien zu kennen und patriarchale Muster trotzdem zu reproduzieren. Und während du dich fragst, warum es nie genug ist, entsteht die nächste Liste: Du sollst Ansprüche an Körper hinterfragen. Diet Culture entlernen. Jeden Blick prüfen. „Vorteilhafte Kleidung“ und “No-Makeup”-Make-up tragen, weil du schön sein sollst, ohne dass man sieht, wie wichtig es dir ist. Du sollst repräsentieren, dekonstruieren, neu denken. Und doch ist es nie genug. Während sich an den Strukturen wenig bewegt und Männer sich weiter für reflektiert halten dürfen, landet die Verantwortung wieder bei dir. Bei weiblich gelesenen Körpern. Nicht bei denen, die vom System profitieren.
Du dachtest, mit 2 mm wird alles leichter. Und im Rückblick stimmt das auch. Aber erst mit der Zeit. Nach Widerstand. Nach Auseinandersetzung mit deiner eigenen internalisierten Misogynie. Irgendwann merkst du: Es wird wirklich leichter. Du orientierst dich weniger am Male Gaze. Es sind nur Haare. Und niemand hat dir zu sagen, wie du sein sollst.


















































