Biber in der Stadt

Beaver Lab in Linz zeigt, wie Biber die städtische Landschaft gestalten und Menschen für Naturschutz sensibilisiert werden können – an Schnittstellen von Kunst, Wissenschaft und Vermittlung. Lisa-Viktoria Niederberger hat sich vor Ort umgehört.

In der Abenddämmerung, am Donaustrand in Alturfahr oder entlang des Treppelwegs zwischen den Brücken der Stadt Linz: Hier lassen sich die Spuren der Biber entdecken. Wenn unser Tag sich dem Ende entgegen neigt, beginnt der des Bibers erst. Die Familie muss versorgt, Reviergrenzen patrouilliert, Dämme gebaut und verbessert werden. So ein Biber hat nicht nur viel zu tun – wo er ist, tut sich auch viel. 

Die ökologischen Architekten

Wo Biber siedeln, verändert sich die Landschaft. Die von ihnen gebauten Dämme stauen Bäche, schaffen Seitenarme, Teiche und Feuchtgebiete und somit neue Lebensräume für viele andere Arten. Frösche und Molche finden dort Laichplätze, Libellen schwirren über die Wasseroberfläche, Vögel wie der Eisvogel profitieren von den fischreichen Gewässern und feuchtigkeitsliebende Pflanzen kehren zurück. Der Biber gestaltet seine Umwelt so um, dass auch andere Lebewesen dort überleben können – eine Fähigkeit, die ihn zu einer ökologischen Schlüsselfigur macht. Das betrifft auch die menschlichen Stadtbewohner*innen, denn Fließgewässer sind wichtige Kühlkorridore für das Stadtklima. Immer wieder ist von der Forderung nach „klimafitten Städten“ die Rede, von urbanen Räumen, die der drohenden Erhitzung durch die Klimakrise widerstehen können und von Naturschutzmaßnahmen, die dabei helfen könnten. Welche Rolle der Biber dabei spielt, zeigen Fabian Holzinger und Franziska Thurner von Beaver Lab.

Beaver Lab: Kunst trifft Biber

Beaver Lab ist ein interdisziplinäres Arts and Science Labor in Linz an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft. Hier wird nicht nur zu Bibern geforscht, sondern auch mit den Bibern zusammengearbeitet, zum Beispiel wenn Holzinger Beaver Dam Analogs baut, also Damm-Konstruktionen,  die Biberdämme imitieren und von der örtlichen Biberfamilie oft weiter ausgebaut werden. So gestalten Menschen und Tiere gemeinsam ihren Naturraum, und übernehmen miteinander dessen Pflege. „Diese enge Arbeit mit den nicht-menschlichen Lebewesen und das Bewahren ihrer Räume ist ein Versuch, Dinge zu reparieren, die in der Vergangenheit falsch gemacht wurden und wofür gesamtgesellschaftlich Verantwortung übernommen werden muss“, so Thurner. 

Im Rahmen eines vom Klimafonds geförderten Projekts widmet sich Beaver Lab seit 2024, unterstützt von der Stadt Linz (Naturkundliche Station und Wasserbau), dem Urfahraner Sammelgerinne – einer unscheinbaren, aber artenreichen Oase zwischen Autobahn und Hochwasserschutzdamm. Gemeinsam mit einer ansässigen Biberfamilie werden dort naturnahe Maßnahmen wie Beaver Dam Analogs, extensive Mahd, sowie die Förderung standortgerechter Vegetation umgesetzt. Ziel ist es, Lebensräume zu vernetzen, das fragile Ökosystem des urbanen Fließgewässers zu stabilisieren, Mensch-Tier-Konflikte zu vermeiden und Bewusstsein für den Wert solcher Lebensräume in Zeiten der Klimakrise zu schaffen.

Wissenschaftsvermittlung als Biber-Botschafter*innen

Holzinger und Thurner kommen beide aus der Kunst. Field Recordings waren immer schon wichtige Aspekte ihrer Arbeit, auch jetzt nutzen sie Audio-Equipment, z. B. innerhalb von Biberburgen. Denn die akustische Kommunikation der Biber ist bisher weitgehend unerforscht.

Mit einem mobilen Feldlabor am Donaustrand der Stadtwerkstatt Linz, einer Institution der freien Szene, ermöglicht das Beaver Lab Wissenschaftsvermittlung mit niederschwelligem Zugang. „Habt ihr schon mal gehört, wie Biber klingen?,” ist eine Frage, die sofort Interesse weckt, so kommt man ins Gespräch und kann niederschwellig erste Samen säen. „Wir versuchen immer, Räume zu schaffen, in denen wir ein großes, diverses Publikum erreichen und eben nicht nur Menschen, die sich eh schon bewusst mit den Themen auseinandersetzen“, sagt Thurner. Neben Diskussionsabenden mit Expert*innen suchen sie Dialoge mit Passant*innen, Tourist*innen, also ganz verschiedenen, möglichen Interessierten. Sie stellen außerdem ethisch-philosophische Fragen: Wieso gibt es diesen menschlichen Besitzanspruch auf die Natur überhaupt? Und warum haben wir ständig das Bedürfnis, die Natur aufzuräumen oder zu ordnen? Und wie können wir das künstlerisch verarbeiten? Wie kann ich durch Kunst Empathie erzeugen, also ein Gefühl, das mich als Mensch dazu anleitet, meine Rolle in der Umwelt zu reflektieren? Das sind theoretische Überlegungen, die sich auch in der praktischen Arbeit äußern, z. B., wenn die Teilnehmer*innen von Biberspaziergängen dazu eingeladen werden, sich via Postkarten, auf denen heimische Lebewesen abgebildet sind, mit ihnen verwandt zu machen, eine Praxis, die auf das Konzept der Kinship¹ Bezug nimmt. „Ich frage mich dann z. B., wie mein Tag aussehen würde, wenn ich ein Eisvogel oder ein Stück Totholz wäre“, gibt Thurnher Einblick in ihre Prozesse. „Ich mag diese Übersetzungsarbeit. Wie kann ich wissenschafliche Zugänge so runterbrechen, dass sie für jede*n Teilnehmer*in gut funktionieren?” 

Aufklärungsarbeit & Biber-Verordnung

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Aufklärungsarbeit: Mythen und Falschinformationen dominieren öffentliche Debatten hierzulande. Dies ist aufgrund einer neuen Abschussverordnung in Oberösterreich besonders aktuell. Beaver Lab veröffentlichte hierzu eine Stellungnahme³. „Diese Verordnungen sind leider symptomatisch für die Wissenschaftsfeindlichkeit in Österreich. Statt kontraproduktiven Abschüssen sollte auf Kompromisse zwischen Menschen und Bibern, technische Konfliktprävention und Renaturierungsmaßnahmen fokussiert werden, wie es z. B. die Schweiz tut“, erklärt Holzinger und Thurner ergänzt:  “Das Kernthema ist und bleibt eigentlich immer die Konvivialität². und die Frage, welche Rolle Kunst und spielerische Zugänge dabei einnehmen können, um neue mögliche Formen des Zusammenlebens zu beleuchten. Das geht über Empathie, und aus ihr entsteht im Idealfall Verantwortung oder der Wunsch, Verantwortung zu übernehmen.”

¹Kinship: nach Donna Haraway bedeutet “Kinship” Verwandtschaft über Artgrenzen hinweg zu denken, als ein Netz wechselseitiger Beziehungen zwischen Menschen, Tieren und Umwelt. Dabei spielt Empathie eine zentrale Rolle, denn sie ermöglicht erst das Verstehen, Mitfühlen und verantwortungsvolles Handeln innerhalb dieser Verbindungen.
²Konvivialität: Im Unterschied zur Koexistenz, die bloß das Nebeneinanderleben ohne Austausch meint, betont Konvivialität Interaktion, Kooperation und gemeinsames Gestalten von Lebensräumen. Konvivialität bezeichnet aktives, respektvolles und gegenseitig bereicherndes Zusammenleben zwischen Menschen und anderen Lebewesen.

Veranstaltungshinweis:
2026 gastiert Beaver Lab in der Kunsthalle Linz und dem Salonschiff Frl. Florentine – Termine und Details: https://beaverlab.at/florentine
Mehr Informationen, Biberspaziergänge, Projekte und Literaturempfehlungen: https://beaverlab.at


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