Julia L. Hofmarcher darüber, was „Zeit für sich zu haben“ bedeuten kann.
Ich brauche Zeit. Genug Zeit für mich. Seit einem Jahr bin ich selbstständig. Für manche ist das ein Privileg – die eigene Zeit frei einteilen zu können. Für mich trifft das nicht zu, wie für vermutlich viele, die sich für eine Selbstständigkeit entschieden haben. Denn mit ihr kommen täglich die Fragen: Wann kommt der nächste Auftrag? Wie teile ich ihn mir ein? Habe ich genug Zeit dafür und bleibt dann noch genug Zeit für mich? Das Gefühl von Stress überkommt mich. In mir gibt es diese Stimme, die sagt: „Du kannst dir alles selbst einteilen und die Auftragslage ist doch angenehm.“ Das freut mich auch und ich bin zufrieden damit. Doch sobald ich mitbekomme, wie andere in meinem Umfeld ihren Arbeitsalltag gestalten (müssen), verschiebt sich etwas. Ihr Zeitdruck, ihre Erschöpfung, ihre engen Taktungen legen sich wie ein Maßstab über meinen eigenen Alltag – und plötzlich fühlt sich mein Bestes nicht mehr nach genug an. Ein Vergleich, der Stress erzeugt. Dazu kommt dassich eine Frau mit Behinderungen bin und Stress wie dieser – auch wenn er von außen kommt – wirkt sich bei mir körperlich aus, meine Muskeln verkrampfen und dies führt zu zusätzlichen Stress. Wenn ich mir Zeit für mich nehmen möchte, um aus meinem Alltag zu fliehen und mich zu entspannen, dann muss ich viel planen. Ich muss Menschen fragen, ob sie sich Zeit für mich nehmen, um mir zu helfen‚ genug Zeit für mich selbst zu haben. Dabei heißt es oft: „Ich habe keine Zeit. Ich muss mir selbst genug Zeit für mich nehmen.“ Und falls ich dann doch eine Person finde, die mit mir etwas unternimmt, habe ich wieder keine Zeit für mich, dann bin ich wieder nicht allein und gestresst, weil ich mir denke, dieser Mensch nimmt sich Zeit für mich, ich muss ihm gerecht werden. Stattdessen nehme ich mir also dann doch lieber ein Buch zur Hand oder beschäftige mich mit Sinnfragen von zuhause aus: Fällt das überhaupt unter „Ich nehme mir Zeit für mich“? Kann man sich ‚Zeit für sich nehmen‘? Und warum wollen wir diesen Moment dann auf Instagram teilen? Eine Aussicht, ein Getränk, ein Urlaubsmoment – wir posten, dass wir uns Zeit für uns nehmen. Erwarten wir davon Lob und Anerkennung? Oder suchen wir eigentlich nach Verbundenheit? Verbundenheit zu anderen Menschen, die uns auf einer gewissen Ebene verstehen. Und wenn das nicht wie erwartet passiert, leidet man im Stillen vor sich hin, denkt vielleicht: „Bin ich denn nicht (gut) genug?“ Ein Dilemma, das sich auch im Alltag zeigt: Vielleicht sagt man einem Treffen zu und denkt dabei aber: „Eigentlich ist es mir gerade zu anstrengend.” Ist das die Komfortzone, die spricht? Oder doch nur der Wunsch nach Zeit nur für mich? Stört mich etwas an diesem Treffen, der Situation, der Person oder etwas in mir selbst? Und falls es doch die Komfortzone ist – wieso kann ich sie nicht verlassen?
Ich wünsche mir, für mich selbst und für jeden Menschen genug Zeit, um die eigenen Grenzen zu testen. Genug Zeit, um die eigene Komfortzone zu verlassen, um dabei herauszufinden, was man mit der Zeit für sich selbst alles anstellen kann und um zu reflektieren, wo es sich vielleicht doch lohnt, Zeit in Begegnungen zu investieren, obwohl man das Gefühl hat, man besitzt keine mehr. Vielleicht ist „Zeit für mich“ gar kein klar definierbarer Zustand, weniger eine Antwort als tastende Fragen. Ein Suchen zwischen Rückzug und Verbundenheit, zwischen Komfortzone und Begegnung – das jede*r für sich selbst immer wieder neu beantworten darf.

























