Ilse Kilic über die Welt der Steigerungen
‘Nicht genügend’ ist eine Schulnote. Nicht genügend passiert. Warum? Ist es möglich, immer
zu genügen? Wem? ‘Nicht begnügend’ ist keine Schulnote. Nicht begnügend passiert. Wem?
Sich nicht begnügen, wie sich nicht vergnügen, passiert auch. Wann?
Ich genüge manchmal. Ich begnüge mich manchmal. Ich vergnüge mich dabei nicht immer,
habe aber gelesen, dass vergnügen und begnügen vom selben Wortstamm, nämlich dem
Genügen, abstammen.
Gibt es mehr als genug? Mehr als Genügend? Lassen genug und genügend sich steigern, genügender und am genügendsten?
Ja, manchmal habe ich „mehr als genug”.
Wovon? Etwa von von allen Verteilungsungerechtigkeiten und vom Feinstaub in der Luft.
„I need more” sang Iggy Pop vor fast einem halben Jahrhundert. Es lag nahe, mehr als viel zu wollen. Wem? Es lag nahe, sich nicht zu begnügen. Wo? Bedeutet das Denken von ‘mehr’ im Gegensatz zu ‘viel’, dass wir in einer Welt des Komparativs, in einer Welt der Steigerungen und Vergleiche leben, in einer Welt, wo sich viel zu mehr und am meisten versteigert und genügend, genügender, am genügendsten? Ist ‘mehr’ eingeschrieben in unsere Sprache, weil es den Komparativ, also die Möglichkeit der Steigerung gibt, und wir uns daran gewöhnt haben, dass viel zu mehr gesteigert und wenig zu weniger „gemindert” werden kann?
Ich brauche mehr, sang Iggy Pop.
Aber was ist eigentlich ‘brauchen’? “What you really need”, hieß ein Projekt, das das Medien Kultur Haus Wels im Rahmen der Kulturhauptstadt Linz 09 durchführte. Ich war dabei, eingeladen von Adelheid Dahimène. Ja, was brauchen wir wirklich-wirklich, also really? Wir wohnten in einem Pub, dem Black Horse Inn. Die Zimmer waren mit allem ausgestattet, was wir brauchten oder, genau gesagt, was wir wirklich-wirklich brauchten, einem Bett, einem Schrank, einem Waschbecken. Was brauchen wir (really?)
Genug!
Oh lasst uns wollen, was wir wirklich-wirklich brauchen
und uns mit nicht genug vergnügen,
auf dass wir selbst uns selbst genügen!
Möge Vergnügen sich genügen
und nicht begnügend sich begnügen.




























