Wie wir miteinander umgehen können – und warum das wichtig ist. Von Michaela Maria Hintermayr.
Wir leben in einer Zeit, in der Verrohung¹ kein Ausnahmefall ist. Sie gehört zum Alltag. Öffentliche Debatten sind oft hart, laut und abwertend. Besonders in sozialen Medien eskalieren Gespräche schnell. Zuspitzung, Spott und polarisierende Meinungen bekommen Aufmerksamkeit. Gleichzeitig prägt ein neoliberales Denken unsere Gesellschaft: Konkurrenz gilt häufig als normal. Leistung zählt mehr als Fürsorge. Der Wert eines Menschen wird meist daran gemessen, wie produktiv, sichtbar oder verwertbar er ist. In diesem Umfeld wirkt die Forderung nach täglichem Wohlwollen fast aus der Zeit gefallen. Manche halten sie sogar für naiv. Und doch ist sie heute wichtiger denn je.
Was Wohlwollen bedeutet
Im Englischen gibt es den Begriff “kindness”. Er lässt sich nicht einfach mit Freundlichkeit oder Nettigkeit übersetzen. Denn gemeint ist eine grundsätzliche Haltung. Eine zugewandte Art, anderen zu begegnen – und auch sich selbst. Wohlwollen heißt nicht, alles gut zu finden oder Konflikten aus dem Weg zu gehen. Es bedeutet auch nicht, Ungerechtigkeit hinzunehmen. Im Gegenteil. Wohlwollen setzt Aufmerksamkeit voraus. Es braucht die Fähigkeit, Unterschiede wahrzunehmen, und die Bereitschaft, dem Gegenüber als Mensch zu begegnen. Auch dann, wenn man widerspricht. Wohlwollen ersetzt keine Kritik. Es macht Kritik menschlich.
In einer rauen Diskussionskultur wird Sprache oft zur Waffe. Worte sollen verletzen und nicht mehr dazu führen, dass wir uns verstehen. Sie dienen der Abwertung und der Selbstdarstellung. Wohlwollen stört diese Logik. Wer ruhig und respektvoll bleibt, wo Härte erwartet wird, spielt das Spiel der Eskalation nicht mit. Das kostet Kraft. Denn Wohlwollen verzichtet auf die einfache Sicherheit, überlegen zu wirken. Es macht angreifbar.
Gerade in sozialen Medien ist Wohlwollen deshalb radikal. Algorithmen belohnen Empörung, nicht Nachdenken. Sichtbarkeit entsteht durch Lautstärke, nicht durch Genauigkeit. Umso wichtiger sind kleine, alltägliche Handlungen: ein sachlicher Einwand ohne Herabsetzung, das bewusste Nicht-Antworten auf Provokationen, das Anerkennen eines berechtigten Arguments beim politischen Gegenüber. Diese Gesten sind klein. Aber sie unterbrechen Abläufe, die sonst immer weiterlaufen.
Verantwortung für den gemeinsamen Raum
Auch durch unsere Wirtschafts- und Leistungsgesellschaft wird Wohlwollen erschwert. Wenn alles messbar und vergleichbar wird, verliert das (vermeintlich) Zweckfreie an Wert. Zuhören ohne Eigennutz. Helfen ohne Gegenleistung. Zeit lassen, um zu verstehen. Wohlwollen stellt sich diesem Denken entgegen. Es erinnert daran, dass menschliche Beziehungen keine Märkte sind. Und dass Solidarität keine Schwäche ist, sondern notwendig.
Dabei geht es nicht um große Gesten. Es geht um den Alltag. Um einen respektvollen Ton im Gespräch. Um den Verzicht darauf, Fehler öffentlich bloßzustellen. Um das Ernstnehmen von Erschöpfung – bei anderen und bei sich selbst. Wohlwollen heißt auch, Grenzen zu setzen. Nein zu sagen, ohne zu verletzen. Kritik zu äußern, ohne den anderen zu entmenschlichen. Es bedeutet insbesondere auch, ein Nein eines Gegenübers nicht als Zurückweisung zu lesen. In einer polarisierten Welt wird Wohlwollen oft als Schwäche verstanden. Tatsächlich braucht es für diese Haltung Stärke. Sie verlangt, Widersprüche auszuhalten und einfache Feindbilder abzulehnen. Wer freundlich bleibt, wo Verrohung naheliegt, übernimmt Verantwortung für den gemeinsamen Raum. Nicht aus moralischer Überlegenheit, sondern aus Einsicht. Dafür braucht es Rahmenbedingungen und eine (Arbeits-)Kultur, die genau dazu einlädt. Mit Ingrid Brodnig (Wider die Verrohung, Wien 2024) möchte ich nahelegen, in einem ersten Schritt, die Muster der Verrohung zu erkennen und zu analysieren (Emotionalisierung, Polarisierung, Spaltung). Als zweiten Schritt empfiehlt sich, die Förderung von Empathie, Respekt, Sachlichkeit und Differenziertheit im täglichen Austausch miteinander. Als dritten Schritt hilft es, auf gesellschaftliches und zivilgesellschaftliches Engagement zu setzen. Das bedeutet, sich zu vernetzen und gemeinsam für einen guten demokratischen Austausch stark zu machen.
Tägliche Akte des Wohlwollens lösen keine großen politischen Probleme. Sie ersetzen keine strukturellen Veränderungen. Aber sie schaffen die Bedingungen, unter denen Konflikte geführt werden können, ohne in Hass umzuschlagen. Wohlwollen ist kein Rückzug ins Private. Es ist eine bewusste Entscheidung. Jeden Tag wieder. Es bedeutet: Ich erkenne dich als Menschen an – auch wenn ich deine Haltung nicht teile.
Verrohung
¹Nach der Journalistin Ingrid Brodnig bedeutet „Verrohung“ die gezielte Emotionalisierung und Radikalisierung öffentlicher Debatten, um Aufmerksamkeit, Wut und Empörung zu erzeugen. Brodnig versteht Verrohung als politisch und medial wirksames Instrument, das demokratische Debatten untergräbt, indem es Komplexität reduziert, Feindbilder erzeugt und konstruktiven Austausch erschwert. (Ingrid Brodnig, Wider die Verrohung, Brandstätter Verlag, Wien 2024)


















































