Das “Nie Genug” des Patriarchats

Nie genug zu sein ist ein Problem im Patriarchat, das alle weiblich sozialisierten Personen unumgänglich prägt und alle weiblich gelesenen Personen zwangsläufig trifft. Die kanadische Autorin Sarah Hagi formulierte einen Satz, der im feministischen Diskurs der letzten Jahre immer wieder aufgegriffen wurde: „Lord, give me the confidence of a mediocre white man.“ also „Herr, gib mir das Selbstvertrauen eines mittelmäßigen weißen Mannes.“ Dieses Zitat hat mich sofort berührt: endlich Worte für ein vertrautes Gefühl. Denn während Jungs beim Spielen als durchsetzungsstark gelten, sind Mädchen mit demselben Verhalten „zickig“, „bossy” oder unsensibel. Diese Erzählungen prägen fürs Leben: Als Jugendliche wird uns z.B. beigebracht, dass wir nie hübsch genug sein können. In den Teenie-Zeitschriften für Mädchen stehen nicht nur Schönheit und deren Optimierung im Mittelpunkt, sondern auch das permanente Vergleichen: Wir lernen, dass Schönheit unseren Wert bestimmt und dass andere Mädchen Konkurrent*innen sind die Achillesferse des Female Empowerment.

Als Frau* ist man nie Frau* genug –oder zu viel: Unsere Freude ist stets zu laut. Weibliche Wut ist hysterisch. Fleiß wird zu Karrieregeilheit. Weiblich gelesene Körper sind entweder zu dick oder zu dünn und Begriffe für den weiblichen Intimbereich gelten gemeinhin als Beleidigung. Während körperliche Stärke als unweiblich gilt, sind lohnarbeitende Frauen* immer noch am erfolgreichsten, wenn sie (die durchaus auch toxischen) Verhaltensweisen der männlichen Kollegen kopieren – und trotzdem werden sie oft auch dann nicht ernst genommen. Unsere Gesellschaft hat abseits der Rolle der liebenden Mutter nicht viele positive Erzählungen von Frauen parat – und selbst die ist entweder überfürsorglich oder eben doch eine Rabenmutter. 

Zum Aufbau eines positiven Selbstbewusstseins ist auf die Gesellschaft also kein Verlass. Bleibt nur, sich selbst radikal zu erlauben, genug zu sein. Mit den bestehenden Narrativen zu brechen oder sie sich zurückzuerobern, sie positiv neu zu besetzen. Nicht umsonst ist mit „fotzig“ heute zuweilen etwas durchaus positives gemeint. Sich selbst genug zu sein ist ein rebellischer Akt.

Am Ende geht es aber um nicht viel mehr als Menschlichkeit und Fehlerfreundlichkeit untereinander und um nicht viel weniger als die mentale Gesundheit aller weiblich sozialisierten und gelesenen Personen.

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