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Vina Yun über die lange Liste der „Selber-Schluld-Mythen“.

Während ich für diesen Kolumnentext in die Tasten haue, finden vielerorts die sogenannten SlutWalks, statt. Der erste dieser „Schlampenmärsche“ wurde im April in Toronto initiiert – nachdem ein Vertreter der kanadischen Polizei Studentinnen in einem öffentlichen Vortrag empfahl, sich „nicht wie Schlampen anzuziehen, um nicht Opfer sexueller Gewalt zu werden“. Für die wohlbekannte Strategie, die Betroffenen selbst für die Übergriffe verantwortlich zu machen, gibt es im Englischen eine eigene Bezeichnung: „Victim Blaming“. Ganz oben auf der Liste der „Selber Schuld“-Mythen: „Aufreizende“ Kleidung. In dezidiert „provokanter“ Aufmachung erscheinen auch viele Demonstrantinnen zu den SlutWalks, die sich mittlerweile zu einem globalen Phänomen entwickelt haben: Von Berlin bis Neu Delhi versammeln sich Feministinnen auf der Straße, um „gegen Sexismus, sexualisierte Gewalt, Vergewaltigungsmythen und -verharmlosungen“ zu protestieren, wie es etwa in den zahlreichen Demo-Aufrufen aus Deutschland heißt. Neben der kritikwürdigen Medienrezeption der SlutWalks als neue feministische Protestkultur, dessen Organisationsform und „sexy“ Auftreten gerne in Opposition zur angeblich männerhassenden und verschnarchten Frauenbewegung der Müttergeneration gestellt wird, erregen vor allem die Debatten innerhalb der feministischen Blogosphäre zur (un-)möglichen Begriffsaneignung meine Aufmerksamkeit. Insbesondere Women of Color kritisieren, dass Bezeichnungen wie „Schlampe“ oder „Hure“ angesichts rassistischer, kolonialer und nicht zuletzt klassenspezifischer Machtverhältnisse ein anderes Gewicht besitzen. Denn während weiße Mittelklasse-Frauen mit der ironischen Affirmation des Schimpfwortes „Slut“ versuchen, Kontrolle über ihr Image zurück zu gewinnen, ist das Bild von z.B. schwarzen oder Roma-Frauen bereits von vornherein von der Vorstellung einer „wilden“ und devianten Sexualität geprägt. Die Grenzüberschreitung des „Anständigen“ bleibt daher vornehmlich privilegierten (d.h. weißen) Frauen vorbehalten, die – wie es eine Blog-Autorin des „Crunk Feminist Collective“ formuliert – „nach wie vor damit rechnen können, mit Würde und Respekt behandelt zu werden.“ Wenngleich also „Slut“ keine universelle Erfahrungskategorie darstellt, scheint die Kritik sehr wohl in die Proteste selbst eingeflossen zu sein. So heißt es etwa beim SlutWalk Hamburg: „Egal ob du dich als Slut/Schlampe fühlst und den Begriff positiv oder ironisch für dich aneignen willst oder ihn aufgrund seiner negativen Bedeutung gänzlich ablehnst, sei (…) dabei, wenn (…) Menschen für ihr Recht auf Selbstbestimmung hinsichtlich Körper, Geschlecht, Sexualität und Begehren auf die Straße gehen.“ Ein strategischer Konsens, der mehr Aufmerksamkeit verdienen würde als die Miniröcke und Dekolletés, auf die sich so manche Medien derzeit mit Übereifer stürzen.

Vina Yun ist Redakteurin beim feministischen Monatsmagazin an.schläge sowie bei migrazine.at, dem Online-Magazin von Migrantinnen für alle“.

 

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