Vortrag / Lecture / Debatte

VIRTUELLES SYMPOSION “WER BIN ICH? WER SIND WIR? WER SIND DIE ANDEREN? IDENTITÄTEN & IDENTITÄTSPOLITIKEN”

21.4.2021, 00:00 Uhr - 21.4.2022, 00:00 Uhr (ics/ical Kalender Download)
Online

Das Symposion “WER BIN ICH? WER SIND WIR? WER SIND DIE ANDEREN? IDENTITÄTEN & IDENTITÄTSPOLITIKEN” wird ausschließlich online stattfinden. Die Beiträge (Audio & Video) werden ab 21.4.2021 abrufbar sein unter:

http://www.kulturinstitut.jku.at/symposion2021.html

 

BESCHREIBUNG

Noch nie war so oft von “Identität” die Rede, von der “Störung” der Identität einer Dorfgemeinschaft z.B. durch den Kauf eines Hauses durch eine Migrant:innenfamilie. Auch die Werbung verspricht uns beim Kauf einer bestimmten Marke gehobene Identität (Gemeinschaftsgefühle und zugleich Distinktion).

In traditionalen Gesellschaften war die “Wir-Ich-Balance” (Norbert Elias) noch stark auf der Seite des “Wir”: Stand, Geschlecht, Familienstand, ja die Geschwisterposition (je nach Erbrecht) determinierten weitgehend erlaubte Kleidung, Haartracht, Verhaltensweisen und Lebensperspektive, eingebettet durch strukturierte Zeit (religiöse Feste und Brauchtum).Identitätsprobleme müssten virulent werden, wenn

  • starke politisch-soziale Umbrüche die Personen verunsichern (Stichwort Mauerfall DDR, statt einer nunmehr 50 Zahnpasten im West-Supermarktregal) oder wenn
  • in traditionalen Kulturen – über Satelliten-TV und Social Media – das seltsame Verhalten von Film- und Popstars als neue Vorbilder und Konsumwerbung sich in den Köpfen zumindest der Jungen festsetzen, die diese hoch artifiziellen Inszenierungen für bare Münze halten.

In modernen und noch stärker in (post-modernen) Gesellschaften sind wir (zumindest Teile der Mittelschichten) “zur Freiheit verdammt” (Sartre). Diese Wahlfreiheit mag Stress bewirken. Der Trend vom eher fremdzwang- zum eher selbstzwang-orientierten Verhalten, im Wandel der “Wir-Ich-Balance” in Richtung zum “Ich”, zur “Ich-AG” mag ambivalente Sehnsüchte nach Geborgenheit und Sicherheit, aber auch nach Aufregung und Abenteuer wecken. Meinte Emil Durkheim, die Arbeitsteilung der Berufsgruppen (Bäcker brauchen Müller und Tischler und umgekehrt) würde zu “organischer Solidarität” führen (ähnlich schrieb auch Norbert Elias den “Interdependenzen” zivilisierende Effekte zu), so scheint das Gegenteil der Fall zu sein: Jede kleinste angeblich oder tatsächlich vorhandene Gemeinsamkeit zwischen Individuen kann zu einer (oft nur virtuellen) Gruppenbildung führen, die lautstark Identitätspolitik betreiben möchte, bzw. ihre Wortführer:innen.

Appelle an das Gemeinwohl, an ein Verständnis von Politik als Ausgleich von Interessen, ja sogar an universelle Menschenrechte werden vielfach brüsk zurückgewiesen. Bots und Big Data befördern diese irritierenden Entwicklungen: Musste früher ein Demagoge die Ambiguität der Sprachen geschickt nutzen, um unterschiedliche Zielgruppen mit divergierenden Interessen anzusprechen, können nun maßgeschneiderte, völlig konträre Parolen und Wahlversprechen an die jeweiligen identifizierten Personen bzw. Gruppen gesendet werden. Wieviel bleibt da vom politischen Subsystem à la Niklas Luhmann bzw. vom politische Feld à la Pierre Bourdieu noch übrig? Damit soll keineswegs die Berechtigung von deprivierten, diskriminierten Gruppen, sich zu organisieren und für ihre Interessen zu kämpfen, in Frage gestellt werden. Doch vielfach (wie schon früher etwa im Feld der Bürgerinitiativen) sind es gerade die bereits ohnehin eher Privilegierten, mit den nötigen Verbindungen, die erfolgreich Identitätspolitik betreiben (und nicht selten damit auch ihre Karriere fördern). Wenn sich die persönliche bzw. Gruppen-Identität in Abgrenzung zu den “Anderen”, zu den “Fremden” konstituiert, oft in feindseliger Abwertung künstlich überhöhter Unterschiede, und dies durch die jeweilige Identitätspolitik noch zusätzlich symbolisch und ideologisch verstärkt wird, sind (zivilisierte) Konflikte nicht mehr ein positives Moment von Vergesellschaftung. Ganz überspitzt formuliert: Das Inzesttabu (Talcott Parsons) war ja kein genetisches Inzesttabu, sondern eine Exogamie-Regel: Wir sollten außerhalb unserer eigenen Gruppe heiraten, damit letztlich größere Vergesellschaftszusammenhänge entstehen, erhalten bleiben, ausgeweitet werden können.

Der heutige Trend zu immer mehr Identitätspolitik, v.a. in den USA, könnte quasi metaphorisch als “Inzestpolitik” kritisiert werden. Sowohl die Ablehnung “hegemonialer Identitätspolitiken” als auch die Befürwortung der Förderung “marginalisierter Identitäten” geht zu oft von stabilen und eindeutigen Identitäten aus.

Uns interessiert die Frage nach den (sozial-)psychologischen Grundlagen heutiger Identitäten: Wie stark verbreitet sind tatsächlich homogene Identitäten, die sich bedroht fühlen, oder können Individuen (wie schon früher die soziologische Rollentheorie annahm) relativ konfliktfrei und ohne größere psychische und soziale Kosten etliche Habitusformen leben? Wie etwa der kritische Bourdieu-Schüler Bernhard Lahire mit seinem Konzept der “pluralen Habitus” meint?

Wir wollen diese Frage gerade auch am Beispiel von Beduinen in Jordanien untersuchen. Des weiteren interessieren uns die Widersprüchlichkeiten und Konflikte, mit denen intergeschlechtliche Menschen umgehen müssen, aber auch Identitätskonflikte (traditionale Rollenzwänge versus informationelle und wirtschaftliche) Autonomisierung von Frauen im ruralen frankophonen Afrika – gerade auch im Zusammenhang mit Digitalisierungsprozessen. In Estland wurden diese bereits vor Jahrzehnten in Gang gesetzt, weshalb das Land immer als Vorbild gilt – wir fragen danach, wie sich diese auf Frauen ausgewirkt haben.

Diese Themen haben wir ausgesucht, weil wir Referent:innen gefunden haben, die jeweils Zugänge zu den betroffenen Personen bzw. Gruppen haben. Abschließend wollen wir gemeinsam die Handlungserfordernisse von Identitätspolitiken für politische Bildung diskutieren. Vor allem geht es darum, Identitäten nicht als starre Gegebenheiten zu begreifen, sondern mit Ernst Bloch (Prinzip Hoffnung) zu sagen: “Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.”

Leseempfehlung:

Kainz, Martina (2018): Globale Vernetzung — globale Identität? Kulturelle Identitätskonstruktionen im Zeitalter digitaler Technologien, Reihe „Webwissenschaft“ Bd. 1. Glückstadt/D: vwh., ISBN 978-3-86488-131-2

Mehr Informationen: http://www.kulturinstitut.jku.at/symposion2021.html
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