Literatur

Orbans Ungarn mit Paul Lendvai – Lesung und Gespräch

18.9.2021, 20:00 Uhr - 31.7.2021, 11:15 Uhr (ics/ical Kalender Download)
Central Linz

Wer hätte geahnt, dass aus dem „zukunftsträchtigen, progressiven“ (Paul Lendvai, zit. in: Kahlweit, Cathrin in: Süddeutsche Zeitung vom 24.10.16) Viktor Orbán einmal ein rechtskonservativer Populist mit „fremdenfeindlichen und antisemitischen Tendenzen“ (Verlag Kremayr & Scheriau) werden würde, der Ungarn innerhalb von 10 Jahren zu einem autoritären Staat „hinter einem scheinbar demokratischen Vorhang“ (ebd.) verwandeln würde?
Der aus Ungarn kommende Osteuropa-Experte Paul Lendvai ist – rückblickend – überzeugt davon, dass der trickreiche Politiker, der ursprünglich aus armen Verhältnissen stammt, eine „‘liberale Maske‘ aufgesetzt“ (Kahlweit, Cathrin in: Süddeutsche Zeitung vom 24.10.16) habe.
Die Orbán-Biographie, die 2016 Paul Lendvai 2016 herausbrachte, ist Ergebnis einer akribisch genauen Recherche. Der Autor führte Interviews – vor allem mit Gegnern des orbán’schen Regimes – und studierte ungarische Quellen, die einem deutschsprachigen Leser bzw. einer deutschsprachigen Leserin ansonsten verborgen blieben.
Er zeichnet darin Orbáns Lebensweg: vom Rechtswissenschaftsstudenten in Budapest angefangen, wo Viktor Orbán einen loyalen Freundeskreis aufbaute, der heute in den obersten Rängen des ungarischen Parlaments sitzt, über seine Zeit als rebellischer Jungpolitiker vor dem Zerfall der Sowjetunion, bis hin zu dem, was er heute ist: ein machthungriger Regierungschef, der alle mundtot macht, die ihm widersprechen. Sein Regime hat auch zu einer Spaltung der ungarischen Gesellschaft geführt: Während die breite Bevölkerung Ungarns immer ärmer wird und die Zahl der Arbeitslosen stetig steigt, konnte sich eine kleine Schicht durch die finanz- und wirtschaftspolitischen Regelungen bereichern (vgl. Verlag Kremayr & Scheriau).
In der nun erschienene Neuauflage der 2018 mit dem Europäischen Buchpreis ausgezeichneten Biographie beschreibt der nunmehr 92-jährige Paul Lendvai auch das ambivalente Verhältnis anderer europäischer Länder zu Orbáns Politik: Denn der für viele äußerst charismatische, vor allem aber polarisierende Politiker ist „auch der europaweite Meinungsführer einer nationalistischen Strömung, die in manchen Ländern wie Polen oder der Slowakei schon mehrheitsfähig ist und in Österreich, sogar in Frankreich zur Macht drängt“ (Mappes-Niediek, Norbert: in: Falter vom 14.10.2016).
Insofern ist „Orbáns Ungarn“ eine besorgniserregende Lektüre, und das nicht nur für die ungarische Bevölkerung – sie sollte zumindest zum Nachdenken anregen.

Paul Lendvai, geboren 1929 in Ungarn als Sohn jüdischer Eltern, überlebte dank eines Schweizer Schutzpasses den Holocaust. Nach dem 2. Weltkrieg studierte er Rechtswissenschaften und arbeitete als Journalist im kommunistischen Ungarn, wo er 1953 verhaftet wurde und Berufsverbot erhielt. 1957 floh er nach Wien, 1959 erhielt er die österreichische Staatsbürgerschaft. Er arbeitete jahrelang als Korrespondent für die Londoner Financial Times sowie für diverse österreichische, deutsche und Schweizer Zeitungen. Zudem war er Chefredakteur für die Osteuropa-Redaktion des ORF und schreibt bis heute Kolumnen für die Tageszeitung Standard.
Seine Bücher über Mittel- und Südosteuropa wurden in 10 Sprachen übersetzt und erhielten viele Auszeichnungen, unter anderem 2008 den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln und 2020 den Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch für Paul Lendvais publizistisches Gesamtwerk. 2001 bekam er zudem das Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich.

 

Mehr Informationen: https://www.eventim-light.com/at/a/5ffc04ac8f154f653b5f36d6/e/603f56dc8f154f653b5f3b26/
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