Literatur

Lesungen mit Daniel Kehlmann und Stefan Steiner

2.9.2021, 19:30 Uhr - 20.10.2021, 22:24 Uhr (ics/ical Kalender Download)
Brucknerhaus Linz

Daniel Kehlmann
„Tyll“

Lesung

 

Daniel Kehlmanns Protagonist Tyll ist mehr als ein fiktiver Zeitzeuge des Dreißigjährigen Krieges: Der geflüchtete Vagant und Schausteller trifft auf seinen Wegen durch das vom Krieg verheerte Land zusammen mit seiner Begleitung, der Bäckerstochter Nele, auf diverse kleine und große Leute, deren Schicksale sich miteinander zu einem Zeitgewebe verbinden und so ein „Panorama des Dreißigjährigen Krieges“ (Christoph Bartmann, Süddeutsche Zeitung 10.10.17) zeichnen.

Kehlmanns Roman „Tyll“ vermischt Fiktion und historische Realität, um ein komplett neues Bild der Zeit zu schaffen: Aufgebaut rund um Tyll, „jenen rätselhaften Gaukler, der eines Tages beschlossen hat, niemals zu sterben“ (Klappentext Buch).

 

Daniel Kehlmann, 1975 in München geboren, ist ein deutsch-österreichischer Schriftsteller. Er studierte in Wien Philosophie und Germanistik und unterrichtete an zahlreichen Universitäten in Deutschland. Seinen schriftstellerischen Durchbruch schaffte er 2003 mit dem Roman „Ich und Kaminski“. Sein 2005 erschienener Roman „Die Vermessung der Welt“ zählt heute zu einem der erfolgreichsten Romane der Nachkriegszeit.

Daniel Kehlmann wurde unter anderem mit dem WELT-Literaturpreis, dem Thomas-Mann-Preis und dem Friedrich-Hölderlin-Preis ausgezeichnet. Der Roman „Tyll“ gelangte in seiner englischen Übersetzung auf die Shortlist des International Booker Prize 2020 und wurde 2019 mit dem Schubart-Literaturpreis ausgezeichnet.

Heute lebt Daniel Kehlmann als freier Schriftsteller in Berlin und New York.

Die fiktive, aber aus Volksbüchern bekannte Person Tyll Ulenspiegel wird von Daniel Kehlmann in ein Dorf Anfang des 17. Jahrhunderts versetzt. Noch bevor sein Vater, ein Müller und Welterforscher, als Hexer auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird, flüchtet Tyll zusammen mit der Bäckerstochter Nele in ein vom Dreißigjährigen Krieg gezeichnetes Land.
Ohne erkennbare Chronologie lässt Kehlmann diese Zeit anhand mehr oder weniger erfundenen Personen lebendig werden.

Die Menschen, denen Tyll und Nele auf ihrer Reise begegnen, sind so genannte „Große“ wie der Winterkönig Friedrich von Böhmen oder der schwedische König Gustav Adolf, aber auch gänzlich Unbekannte wie der Henker Tilman oder der Jongleur Pirmin.

Daniel Kehlmann stellt den Zyniker Tyll als Schausteller, Entertainer und Hofnarr dar, der an Schauplätze des Krieges gerät, welche einen Historienroman vermuten lassen, um im nächsten Augenblick wie ein „Tanz auf dem Seil“ (R. Kämmerlings, Die Welt vom 7.10.17) ebendiesen mit Witz, Kunst und Kenntnis neu zu erfinden.

Doch Tyll ist mehr als ein stummer Zeuge des Geschehens: Spukhaft begleitet von einem Kindheitstrauma, an das er sich selbst nicht erinnern kann, ist er nicht bloß ein Narr, der andere Menschen erheitert, sondern ebenso ein Unruhestifter mit einer bösartigen Seite (T. Spreckelsen, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.10.17/ aktualisiert am 26.8.20).

Die Aktualität des Textes – angesiedelt in einer Zeit, in der „Arglosigkeit und Aberglauben der Dorfbewohner ausgenutzt wurde“ (J. Jessen, Die Zeit, 5.10.17) und die Erzählkunst des Autors erzeugen einen großen „Roman übers Erinnern, Vergessen und Erzählen“ (T. Spreckelsen, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.10.17/ aktualisiert am 26.8.20).

 

Stefan Steiner studierte nach unterschiedlichen beruflichen Tätigkeiten im In- und Ausland Sprachkunst an der
Universität für angewandte Kunst in Wien. Er lebt mit seiner Familie in Klosterneuburg und
schreibt nach Drama-, Lyrik- und Kurzprosatexten derzeit einen Roman, in welchem er den Puls
einer Kindheit und eines Ortes sprachlich befühlt.

Mittags wird es still in Grieskirchen. Draußen sind dann nurmehr der Ruß aus den Fabriken und die
Fernsehantennen auf den Flachdächern, sie fransen Richtung Himmel aus. Niemand sonst überzeugt
sich von der Kraft der Sonne. Man kann von hier aus ohnehin nicht erkennen, wo die Vorstadt
aufhört und wo der Horizont anfängt. Und in der Nacht ist da der Starkstrom und diese
Frauenstimme, die bis Mitternacht durch die Wände zu hören ist. Sie sagt immer wieder, dass Züge
in die eine und in die andere Richtung abfahren. Seit kurzem lebt Familie Juric im zweiten
Stockwerk. Moritz kannte den Jugoslawienkrieg aus den Abendnachrichten, nun hat er ein Gesicht.
Mit Luca wartet Moritz, ohne genau zu wissen worauf. Im Radio kündigten sie ein Gewitter an. Es
kommt nicht. Inmitten der beinahe brach liegenden Landschaft um die Stadt und der endlosen Hitze
über allem ist es nun so, als ob ein Hauch das dunkle Lila über allem einreissen könnte, ein zu
lautes Wort, eine hastige Tat wäre wohl schon zu viel. Moritz und Luca sitzen am Fluss und werfen
Steine ins Wasser. Sie fahren gerne raus mit ihren Rädern, entlang dem unechten Raum zwischen
Tankstelle und Freibad, da sind dann irgendwann nurmehr die Grillen und die Risse im Beton.
Moritz kennt sie, er kennt all die Risse hier, er weiß dass es immer wieder in ihnen blüht. Doch
irgendwas ist dieses Jahr anders, vielleicht liegt es an der Sonnenfinsternis, alle sprechen von ihr.
Und vielleicht sagt das Ortsschild am Feldrand nur, dass hinter einem Ort noch anderen Orte sind.
Die Sonne ist müde, sie scheint von hinten, Schatten eilen Moritz und Luca voraus. Sie könnten
noch immer von zwei Kindern sein. Von irgendwo her sieht man dunkle Wolken und weißes Licht.
Wenn man bergab die Augen schließt spürt man den Wind. Es sollten die letzten gemeinsamen
Sommerferien für Moritz und Luca sein.

Stefan Steiners Drama-, Kurzprosa und Lyriktexte werden in Literaturzeitschriften (Jenny,
Radieschen, 100 Spaces, Falter-Kulturbeilage) publiziert und waren bei Lesungen / Performances
(Alte Schmiede: Wien, Spektakel: Wien, Universität für angewandte Kunst: Wien, Haus der
Architektur: Graz), im Radio als Hörspiel (Kunstradio: Ö1, Schwellen: Radio 80k) und auf
Festivals (Burgtheater: Rund um die Burg, Universität für angewandte Kunst: Öffnungen) zu hören.
Zuletzt wurden Aufnahmen seiner Gedichte im Rahmen der Literaturpassage im Museumsquartier
Wien via Video präsentiert.

 

Mehr Informationen: https://www.eventim-light.com/at/a/5ffc04ac8f154f653b5f36d6/e/601d2c6e8f154f653b5f387e/
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