Rebell im Befreiungskampf

"Viva la rebellion" von Chris Moser, gelesen von Victoria Windtner.

Die entschiedene Abgrenzung zur „wilden“, „unzivilisierten“ Natur ist typisch für gebräuchliche, anthropozentristische Kulturbegriffe. Es wird hierarchisiert und in Gegensätzen gedacht, um Machtverhältnisse herzustellen und zu erhalten. Wie Hito Steyerl in „Kultur: ein Begriff ohne Grenzen“ bemerkt, stellt sich die Frage: Ist Kultur ein Vorwand zur Aufrechterhaltung von Gewaltverhältnissen, ein Synonym für Verbrechen?

Die staatliche „Repressionsmaschinerie“ setzt sich verlässlich in Gang, wenn die hegemoniale Ausbeutungskultur kritisiert und konsequent in Frage gestellt wird. Es geht um nichts geringeres als den Erhalt der herrschenden Ordnung. „Scharf geladene Unwörter wie ‚Leitkultur‘ und ‚Wertekatalog‘, gefolgt von Schrapnellen wie ‚Integrationswille‘ oder ‚westliche Werte‘ tummeln sich“, bemerkt Künstler und Aktivist Chris Moser. „Wenn fatale Obrigkeitsgläubigkeit und ein gefährlicher Hang in autoritäre Strukturen zu verfallen die traditionellen Säulen ‚unserer westlichen Kultur‘ sind, dann bin ich ganz klar integrationsunwillig!“.

Seine „Radikalkunst“ kritisiert Ausbeutung, Unterdrückung und Gewalt, seine Unterarmtattoos raten resist und refuse, sein drittes Buch ruft zum Widerstand auf und sein Foto hängt in manchem Polizeibüro. Der Familienvater ist überzeugt: „Widerstand und Rebellion ist nicht Sache der Anderen“. Als Jugendlicher sprayte er in Tirol Graffitis und protestierte, weil eine Disco türkischstämmigen Männern den Zutritt verweigerte. Mosers antirassistischer und antisexistischer Protest führte zum antispeziesistischen Befreiungskampf „für alle quälbaren Körper“.

In „Viva la rebellion. Ein Aufruf zum Widerstand“ schreibt er u.a. über Erfahrungen mit der österreichischen Staatsgewalt. Mehrfach wurde er im Zuge seiner politischen Protestaktionen festgenommen. 2008 saß er in Untersuchungshaft, weil er verdächtigt wurde „Mitglied einer kriminellen Organisation“ (§ 278a StGB) zu sein. Im Prozess wurde seine gesellschaftskritische Kunst thematisiert. Wie alle anderen Angeklagten wurde er im sog. „Wiener Neustädter Tierschützerprozess“ rechtskräftig freigesprochen. „Der Staat hat sich damals demaskiert“, sagt Moser heute. Auf Seite 28 richtet er eine klare Botschaft an die Machthaber*innen: „Ja, ihr habt... Handschellen, um uns ruhigzustellen! Waffen um uns einzuschüchtern! Geld, um die Schergen_Innen zu bezahlen! Gefängnisse, um uns wegzusperren! Aber wir haben Leidenschaft, Spontanität, Witz, Kreativität und unsere Frechheit!“

Chris Moser, Viva la Rebellion. Ein Aufruf zum Widerstand, 978-3-902873-58-3, Kyrene, 2016.